Lebensräume zwischen Wasser und Land
Lebendige Auen

Hotspots der Artenvielfalt
Auen entstehen dort, wo Flüsse und Bäche ihre Umgebung regelmäßig oder zeitweise überfluten. Tümpel, Altarme, Flachwasserbereiche, unterschiedlich schnell fließende Gewässerabschnitte und Ufergehölze bilden ein eng verzahntes Mosaik aus Lebensräumen.
Davon profitieren zahlreiche Arten, darunter Eisvogel, Flussregenpfeifer, Kuckuck, Biber und Fischotter. Gleichzeitig spenden Ufergehölze Schatten und schaffen auch in heißen Sommern günstigere Bedingungen im und am Gewässer.

Auen leisten natürlichen Klimaschutz
Intakte Auen halten Wasser in der Landschaft, fördern die Grundwasserneubildung und wirken als natürliche Puffer gegen Hochwasser, Dürre und Hitze. Ihre zeitweise vernässten Böden und Gehölze können außerdem Kohlenstoff speichern. Damit sind Auen zugleich Lebensraum, natürlicher Klimaschutz und wichtige Vorsorge gegen die Folgen der Klimakrise.
Natur wieder mehr Raum geben
Mit dem Projekt „Lebendige Auen“ setzt sich der NABU Hessen dafür ein, die Bedeutung naturnaher Auen für Artenvielfalt, Klimaschutz und Wasserrückhalt sichtbar zu machen und ihre Entwicklung praktisch voranzubringen. Ein Schwerpunkt liegt darauf, NABU-Gruppen bei Gewässerrenaturierungen zu unterstützen und Menschen zu gewinnen, die sich vor Ort für natürliche Gewässer, Auen und breite, ungenutzte Uferstreifen einsetzen.
Was lebendige Auen leisten
Josbach: Den Bach wieder selbst gestalten lassen
Im Landkreis Marburg-Biedenkopf, zwischen Rauschenberg-Josbach und der Wohrabrücke bei Halsdorf, gibt der NABU einem Bach wieder mehr Raum für seine natürliche Entwicklung. Dafür hat er Grundstücke mit einer Gesamtfläche von 12 Hektar erworben und eine Beweidung der Flächen etabliert.
Der Josbach ist Lebensraum für seltene Arten wie Bachneunauge und Groppe. Doch an einigen begradigten Abschnitten hatte sich der Bach tief in sein Bett eingegraben. Um ihm wieder mehr natürliche Dynamik zu ermöglichen, wurden gezielt Veränderungen am Bachbett vorgenommen.
Steine und Totholz bringen den Bach in Bewegung
An einer Stelle wurde eine flache Rampe aus Gesteinsmaterial angelegt und mit Erlenstämmen ergänzt. Dadurch steigt der Wasserspiegel, während der Bach für Fische weiterhin passierbar bleibt. Bei stärkerer Strömung wird das Material nach und nach umgelagert.
Zusätzlich wurden Erlen mitsamt ihren Wurzeltellern in den Bach eingebracht. Sie lenken die Strömung um, fördern natürliche Uferabbrüche und halten einen Teil des transportierten Materials zurück. So kann sich die Bachsohle langfristig wieder anheben.
Davon profitiert auch die Tierwelt: Zwischen Wurzeln und Totholz entstehen geschützte Rückzugsräume für Fische sowie Lebensräume für Insektenlarven. Statt den Bachlauf dauerhaft technisch festzulegen, unterstützen die Maßnahmen seine natürliche Entwicklung. Der Josbach kann wieder selbst vielfältige Strukturen schaffen.
Wingershausen: Mehr Raum am Waldbach
Im hessischen Schotten-Wingershausen zeigt der NABU, wie sich eine landwirtschaftlich genutzte Fläche Schritt für Schritt wieder zu einem naturnahen Lebensraum entwickeln kann. Auf einer extensiv bewirtschafteten Grünlandfläche wird seit 2017 daran gearbeitet, mehr Wasser in der Landschaft zu halten und vielfältige Lebensräume zu schaffen.
Mehr Feuchtigkeit, mehr Lebensräume
Dafür wurden nach und nach Drainagen entfernt, die zuvor Wasser aus dem Boden abgeleitet haben. So kann die Fläche wieder zunehmend vernässen. Zusätzlich werden Altgrasstreifen angelegt, in denen Gräser und Wildpflanzen länger stehen bleiben dürfen. Sie schaffen abwechslungsreiche Strukturen und bieten Insekten und anderen Kleintieren Nahrung und Unterschlupf.
Eine weitere Maßnahme ist die Anlage einer flachen Wassermulde. Sie soll das Nahrungsangebot für den seltenen Schwarzstorch verbessern, der in Feuchtgebieten unter anderem nach Fischen und Amphibien sucht.
Ein Uferstreifen, der sich selbst entwickeln darf
Seit 2024 bekommt auch der angrenzende Waldbach mehr Raum. Entlang des Baches wurde ein etwa zehn Meter breiter Uferstreifen abgesteckt, der künftig nicht mehr bewirtschaftet wird. Die Holzpflöcke markieren die Grenze zur weiterhin genutzten Grünlandfläche.
Innerhalb dieses Streifens darf sich die Natur weitgehend ungestört entwickeln. Bei Hochwasser kann sich der Bach hier ausbreiten, während sich am Ufer nach und nach eine natürliche Vegetation aus Gräsern, Stauden und Gehölzen ansiedeln kann. Dieser Prozess wird als natürliche Sukzession bezeichnet.
Das Projekt zeigt, dass Renaturierung nicht immer große bauliche Eingriffe braucht. Manchmal besteht der wichtigste Schritt darin, Wasser zurückzuhalten, Flächen aus der Nutzung zu nehmen und der Natur Zeit und Raum für ihre Entwicklung zu geben.
Ansprechpersonen
Du bist in einer NABU-Gruppe aktiv, planst ein Gewässerprojekt oder möchtest mehr über natürliche Auen erfahren? Unsere Ansprechpartner*innen unterstützen dich bei fachlichen Fragen und beim Austausch zu möglichen Maßnahmen.




