Seit 118 Jahren für Mensch und Natur
Vom Vogelschutzverein zum NABU-Landesverband
NABU-Aktive bei einer Vogelexkursion - Foto: Bernd Petri
Der NABU-Landesverband Hessen blickt auf eine über hundertjährige wechselvolle Geschichte zurück. Der Weg vom Vogelschutz im Kaiserreich bis zum Natur- und Umweltschutz in der Bundesrepublik soll hier kurz nachgezeichnet werden. Im Jahr 1908 rief der Geheime Staatsrat Dr. h.c. Wilhelm Wilbrand in Darmstadt den „Vogelschutzverein für das Großherzogtum Hessen“ ins Leben. Protektor des Vereins war der Großherzog von Hessen-Darmstadt.
Zwei Hauptaufgaben hat sich der Verein gestellt: Er will zur Erweckung des allgemeinen Interesses Kenntnis verbreiten über das Leben und Treiben unserer Vögel und über die beste Art, sie zu schützen; denn wenn unser Volk erst die Vögel kennt und weiß, was es an ihnen hat, dann wird es auch etwas tun, sie nicht zu verlieren. Dann aber auch will der Verein selbst praktisch im Vogelschutz sich betätigen durch Schaffung von Nistgelegenheiten, Anlage von Vogeltränken und Winterfütterungen, gemeinsame Beschaffung von zweckmäßigen Nisthöhlen usw. wie er denn überhaupt in allen einschlägigen Fragen ein zuverlässiger uneigennütziger Berater sein will.
Aus Wilhelm Wilbrands Aufruf „An Alle und Jeden“ aus dem Gründungsjahr 1908
Die Gründung des Vereins erfolgte, wie in vielen Bereichen des Vogel-, Natur- und Heimatschutzes in dieser Zeit, durch leitende Forstleute. So war auch Dr. h.c. Wilhelm Wilbrand damaliger Chef der Forstverwaltung im Großherzogtum Hessen.
Problematische Zeit im Nationalsozialismus
Im Dritten Reich wurde der Vogelschutzverein gemäß einem Runderlass zur Regelung des Vereinswesens auf dem Gebiet des Naturschutzes des Reichsforstmeisters Hermann Göring als Oberste Naturschutzbehörde vom 24.09.1938 gleichgeschaltet, wobei der Vorsitz bei Dr. h.c. Karl Hesse blieb, der sein Amt bis 1952 innehatte. Aus dieser Zeit liegen leider keine Unterlagen zum Verhalten des Vereins im Nationalsozialismus vor. Es ist zu vermuten, dass der Vogelschutzverein dem damaligen antidemokratischen Zeitgeist gefolgt ist.
Landesforstmeister, Politiker und Biologen
Bis 1980 waren immer die jeweiligen Landesforstmeister auch Vorsitzende des Bundes für Vogelschutz. Von 1980 bis 1990 wurden Politiker zu Vorsitzenden gewählt. Es waren die Mitglieder des Landtages Dr. Sybille Engel (FDP) und Dr. Werner Best (SPD). In dieser Zeit wurde die Umweltbewegung gesellschaftlich stärker. Die Antiatombewegung und zahlreiche Umweltprobleme führten zur Gründung von weiteren Umweltorganisationen. Der Deutsche Bund für Vogelschutz tat sich mit Veränderungen und der Ausweitung des Aufgabenbereichs vom Vogelschutz zum Naturschutz zunächst schwer. Erst 1990 führte eine Namensänderung auch zu einer wirklichen thematischen Neuausrichtung. In 1990 ging der Verbandsvorsitz dann an einen Biologen und der Aufbau einer mit hauptamtlichen Mitarbeiter*innen besetzten Landesgeschäftsstelle wurde weiter voran getrieben.
| Amtszeiten | Vorsitzende/r | Geschäftsführung |
|---|---|---|
| 1908 - 1922 | Geheimer Staatsrat Dr. h.c. Wilhelm Wilbrand (Leiter der Forstverwaltung) | ehrenamtlich | 1922 - 1925 | ? (vakant) | ? (vakant) | 1952 - 1952 | Staatsrat Dr. h.c. Karl Hesse (Landesforstmeister) | ehrenamtlich | 1952 - 1978 | Leo Weisgerber (Landesforstmeister) | ehrenamtlich | 1978 - 1980 | Joachim Lütkemann (Landesforstmeister) | ehrenamtlich | 1980 - 1984 | Dr. Sibylle Engel (Landtagsvizepräsidentin, FDP) | ehrenamtlich, Walter Veit | 1984 - 1990 | Dr. Werner Best (Umweltminister a.D., SPD) | Peter Stühlinger, dann Ulrich Lang | 1990 - 1998 | Prof. Dr. Fritz Jauker (Biologe) | Hartmut Mai | 1998 - 2005 | Prof. Dr. Rüdiger Wagner (Biologe) | Hartmut Mai | 2005 - 2023 | Gerhard Eppler (Biologe) | Hartmut Mai, ab 2021 Mark Harthun, Dr. Berthold Langenhorst und Jan Sachse | seit 2023 | Maik Sommerhage (Ing. Umwelttechnik) | Mark Harthun, Dr. Berthold Langenhorst und Jan Sachse |
Größter hessischer Naturschutzverband
Noch immer sind die Ziele aus den Gründungsjahren des Vereins wichtige Kernaufgaben des NABU Hessen. Vom ursprünglichen Vogelschutz hat sich das Tätigkeitsfeld ab den 1970er-Jahren aber immer mehr auf den gesamten Bereich des Arten- und Biotopschutzes ausgeweitet. Heute stehen praktischer Natur- und Artenschutz, Natur- und Umweltbildung, Lobbyarbeit für Natur und Umwelt, Beratung von Politik und Verwaltung sowie Öffentlichkeitsarbeit im Mittelpunkt der NABU-Aktivitäten.
Der NABU Hessen ist mit über 92.000 Mitgliedern in 24 Kreisbänden und 250 NABU-Gruppen flächendeckend vertreten und Hessens größter und ältester anerkannter Naturschutzverband. Auf Bundesebene unterstützen rund 980.000 Mitglieder in 16 Landesverbänden den NABU. In der hessischen Landesgeschäftsstelle arbeiten inzwischen 21 hauptamtliche Mitarbeiter*innen. Eine möglichst flächendeckende Präsenz in den Städten und Gemeinden ist dem NABU seit seiner Gründung wichtig. Dies zeigt sich besonders in der Entwicklung der Mitgliederzahlen und der großen Anzahl der örtlichen NABU-Gruppen und Kreisverbände in Hessen. Der NABU ist in ganz Hessen präsent und setzt sich mit der Kraft vieler Ehrenamtlicher für den Schutz unserer Lebensgrundlagen ein.
Heutige Ziele und Aufgaben
Im 21. Jahrhundert formuliert der NABU Hessen seine Ziele im Natur- und Umweltschutz umfassender. Angegangen werden diese Ziele auf allen Verbandsebenen mit zum Teil unterschiedlichen Schwerpunkten. Da Föderalismus und Basisdemokratie zentrale Elemente in der Organisation des NABU sind, legt jede Gliederung ihre Arbeitsschwerpunkte selbstständig und in eigener Verantwortung fest.
Der NABU Hessen möchte dafür begeistern, sich in gemeinschaftlichem Handeln für Mensch und Natur einzusetzen. Wir wollen, dass auch künftige Generationen eine Erde vorfinden, die lebenswert ist. Der NABU setzt sich darum für den Schutz vielfältiger Lebensräume und Arten ein sowie für gute Luft, sauberes Wasser, gesunde Böden und den schonenden Umgang mit endlichen Ressourcen.
Maik Sommerhage, Landesvorsitzender NABU Hessen
Auch nach 118 Jahren Vereinsgeschichte sind die gesellschaftlichen Herausforderungen weiterhin groß. Die Klimakrise und das fortschreitende Artensterben stellen den Verband vor große Aufgaben. Deshalb tritt der NABU Hessen mit vielen gesellschaftlichen Akteuren in den Dialog und setzt sich auf vielen Ebenen dafür ein, unsere Lebensgrundlagen dauerhaft zu sichern. Die Landesarbeitsgruppen, die NAJU Hessen und die NABU-Stiftung Hessisches Naturerbe helfen dabei tatkräftig mit. Die stetig steigenden Mitgliederzahlen machen deutlich, dass der Naturschutz in der Gesellschaft einen großen Rückhalt genießt. Die Ausweitung des Tätigkeitsfelds vom Vogel- zum Natur- und Umweltschutz spiegelt sich deutlich in der mehrfach geänderten Namensgebung des Verbandes wider.
| Jahr | Jeweils aktueller Vereinsname |
|---|---|
| 1908 | Vogelschutzverein für das Großherzogtum Hessen | 1927 | Vogelschutzverein für Hessen | 1934 | Bund für Vogelschutz, Landesgruppe Hessen (es erfolgte der Beitritt in den 1899 von Lina Hähnle gegündeten Bund für Vogelschutz) | 1938 | Reichsbund für Vogelschutz, Landesgruppe Hessen (gem. Runderlass zur Regelung des Vereinswesens auf dem Gebiete des Naturschutzes des Reichsforstmeisters Hermann Göring) | 1948 | Bund für Vogelschutz, Landesgruppe Hessen (Neuaufbau) | 1965 | Deutscher Bund für Vogelschutz, Landesverband Hessen e.V. (DBV) | 1978 | Deutscher Bund für Vogelschutz - Verband für Umwelt- und Naturschutz, Landesverband Hessen e.V. (DBV) | 1987 | Deutscher Bund für Vogelschutz / Deutscher Naturschutzverband, Landesverband Hessen e.V. (DBV) | 1990 | Naturschutzbund Deutschland , Landesverband Hessen e.V. | 2018 | NABU (Naturschutzbund Deutschland), Landesverband Hessen e.V. |
Aus der Geschichte des NABU
Artenschwund, Luftverschmutzung, Zersiedlung der Landschaft, das Verschwinden von Hecken und die Trockenlegung von Feuchtgebieten sind keine exklusiven Erscheinungen unserer Zeit. Schon vor mehr als hundert Jahren schreckten diese unübersehbaren Umweltauswirkungen die Menschen auf. Mehr →
Vor 125 Jahren, am 1. Februar 1899, gründete Lina Hähnle den Bund für Vogelschutz. Sie führte den heutigen NABU fast 40 Jahre über durch das autoritäre Kaiserreich, die Weimarer Demokratie und bis 1938 die NS-Diktatur. Mehr →
