Land Hessen will 440.000 Habitatbäume fällen
Hessische Landesregierung betreibt Wortbruch beim Waldnaturschutz
Gefällter Habitatbaum im Buchenwald - Foto: Berthold Langenhorst
„Zwei Jahre nach der Landtagswahl setzt die neue schwarz-rote Regierung die Kettensäge an die Naturschutzregelungen im landeseigenen Staatswald an“ erklärt Maik Sommerhage, Landesvorsitzender des NABU. Das ist ein eklatanter Wortbruch, denn noch vor einem Jahr haben Abgeordnete von CDU und SPD mehrfach im Landtag versprochen, dass die Naturschutzstandards der Forstbewirtschaftung beibehalten würden. Besonders schwerwiegend ist der Plan, die Anzahl der ökologisch wichtigen „Habitatbäume“ stark zu verringern.
Zwei Jahre nach der Landtagswahl setzt die schwarz-rote Regierung die Kettensäge an den Naturschutz im landeseigenen Staatswald an.
Maik Sommerhage, Landesvorsitzender des NABU Hessen
Habitatbäume sind meist alte Bäume, an denen gefährdete Tiere wie Spechte, Fledermäuse, Haselmäuse oder Käfer leben, oder krumme, gegabelte Bäume, die wirtschaftlich wenig Wert haben, aber zukünftig Heimat vieler Arten sein können. Die Naturschutzleitlinie für die Bewirtschaftung des Staatswaldes schreibt seit 2022 den Erhalt von 10 solcher Habitatbäume pro Hektar in über 100jährigen Laubwaldbeständen vor, in europäischen Schutzgebieten 15. Diese Zahl soll nun auf nur 5 Bäume pro Hektar reduziert werden. Damit werden auf einen Schlag über 440.000 Habitatbäume zum Einschlag freigegeben, die Tiere verlieren ihr Zuhause.
Habitatbäume in Zahlen
Die hessische Naturschutzleitlinie Wald sieht insgesamt über 800.000 Habitatbäume im Staatswald vor. Davon sind bislang aber nur 366.000 Bäume eingemessen und mit einem großen "H" am Baum versehen. Die anderen Habitatbäume sind nur deshalb noch nicht beschriftet, weil ihre Kennzeichnung im Zuge der Markierung von Bäumen für die nächste Holzfällung erfolgen soll. Das vermeidet einen Zusatz-Aufwand für die Förster. Der Prozess der Auszeichnung aller Habitatbäume im Gelände würde deshalb noch etwa 5 Jahren dauern. Wenn durch eine Änderung der Leitlinie keine weitere Auszeichnung mehr erfolgt, können die noch eingeplanten etwa 440.000 Habitatbäume künftig gefällt werden.
Dramatische Wald-Entwertung
NABU-Waldexperte Mark Harthun ist entsetzt über die bevorstehende dramatische Entwertung hessischer Wälder. Seit Jahrzehnten wendet sich die Forstwirtschaft gegen Schutzgebiete im Wald mit dem Argument, sie würde mit Habitatbäumen „integrierten Naturschutz“ betreiben. Und nun sollen sie im großen Stil gefällt werden. Das bestätigt die Befürchtung, dass „integrierter Naturschutz“ im Forst unzuverlässig ist und nur ausgewioesene Schutzgebiete wirklich schützen.
Mit den Habitatbäumen werden die Keimzellen der Artenvielfalt von Spechten, Käfern, Pilzen und Fledermäusen in den Wäldern beseitigt. Die im Koalitionsvertrag angekündigte „Mobilisierung der Holzvorräte“ für eine „ausreichende Rohstoffversorgung der hessischen Sägewerke“ kommt so einer Plünderung der Naturschätze im hessischen Landeswald gleich, der allen Bürger*innen gehört. Betroffen sind ein Drittel (38%) des gesamten hessischen Waldes, das sich im Landeseigentum befindet.
Falsches Versprechen bei FSC-Ausstieg
Vor einem Jahr gab es bereits eine hitzige Debatte, als das Land aus der „FSC“-Zertifizierung ausstieg. Bis dahin war die Einhaltung einiger Naturschutzstandards extern kontrolliert worden. Die Landtagsfraktionen von CDU und SPD beschlossen im Mai 2024 eine Evaluierung der FSC-Zertifizierung unter der Voraussetzung, „dass für den Zeitraum des Moratoriums weiterhin ein hoher Umwelt-, Sozial und Naturschutzstandard in der Bewirtschaftung des Staatswaldes (…) sichergestellt wird und die weiteren, bisher geltenden Richtlinien für die Bewirtschaftung des Staatswaldes Anwendung finden.“ Auch Umweltminister Ingmar Jung versicherte damals, „dass durch das Ruhen der FSC-Zertifizierung keine Verschlechterung des Naturschutzes im Wald zu erwarten ist.“ Er versprach „Die (…) Naturschutzleitlinie (gilt) auch während des FSC-Moratoriums fort.“ Trotzdem wurde nun der Entwurf für eine neue Naturschutzleitlinie mit dramatischen Verschlechterungen für den Naturschutz vorgelegt. Den Vorwurf des Wortbruchs richtet sich auch an die SPD als Regierungspartner. Auch der Abgeordnete Alexander Hofmann (SPD) hatte im Landtag vehement versprochen „Die geltenden Richtlinien, die wir sonst haben – übrigens auch ein weiteres Zertifikat, nämlich PEFC –, bleiben erhalten“ und dass das FSC-Moratorium „ausdrücklich nicht dazu (führte), dass der Naturschutz in den hessischen Staatsforsten abgebaut werde“. Es ist erschütternd für die Demokratie, wenn Bevölkerung und Parlamentarier derart mit Falschaussagen getäuscht werden.
Weitere Verschlechterungen für den Wald
Neben dem Verlust der Habitatbäume enthält die Neufassung der Naturschutzleitlinie noch zahlreiche weitere Verschlechterungen für den Naturschutz: Das „Tafelsilber“ des hessischen Waldes, die Naturwälder-Naturschutzgebiete, sollen künftig nicht mehr nutzungsfrei sein, stattdessen sollen künftig „steuernde Maßnahmen“ möglich sein, wie auch die Jagdverpachtung an Private, die Baumfällung für Jagdschneisen, die Baumfällung zur Anlage von Rückegassen, mehr Baumfällungen zur Verkehrssicherung und die Fällung von Fichten in einer Zone von 500 Meter vom Rand.
In Europäischen Schutzgebieten wird ein Einschlagsverzicht in alten Laubwäldern aufgehoben. Es soll dort auch keinen Verzicht auf kahlschlag-ähnliche „Schirmschläge“ mehr geben. Der problematische Geist der neuen Naturschutzleitlinie wird besonders deutlich bei der Aufhebung des Schutzes der wenigen noch vorhandenen alten dicken „Methusalembäume“ in den Wäldern: Bisher mussten alle Bäume mit einem Durchmesser von über 1 Meter erhalten werden, künftig nur noch „ausgewählte“. Weiterhin wurde eine Nutzungsoption neu geschaffen. So heißt es nun: „Im Sinne einer weiterhin gewünschten Holzbereitstellung für hochwertige Verwendungen können einzelne Exemplare weiterhin genutzt werden, wenn das Erdstammstück besonders gute Qualitäten (Güteklasse A oder B nach RVR) erwarten lässt". Dies macht das ganze Methusalembaum-Konzept hinfällig.
Holzeinschlag auch im Sommer möglich
Holzeinschlag mitten im Sommer soll künftig nicht mehr unterlassen, sondern nur noch vermieden werden, Holzrücken darf künftig auch im Sommer sogar in Schutzgebieten erfolgen. Bei Neupflanzungen soll künftig nur noch „ein angemessener Anteil“ der vorgesehenen 4 bis 5 standortgerechten Baumarten heimisch sein, ansonsten setzt der Forst auf Douglasien, Roteichen, Küstentannen oder andere nicht angepasste Arten von anderen Kontinenten.
Das Ziel zum Erhalt und zur Förderung von artenreichen Pionierwäldern und blütenreichen Schlagfluren bei der neuen Waldentwicklung wurde komplett gestrichen. Sie sind besonders für Schmetterlinge wichtig. Das Gebot der „größtmöglichen Schonung des Waldbodens gegenüber mechanischen Störungen“ auch aus Sicht des Klimaschutzes wurde gestrichen. Trotz Trockenschäden im Wald soll künftig nicht mehr „stets die Möglichkeit zum Rückbau von Entwässerungssystemen im Wald und das Schließen von Gräben“ geprüft werden, obwohl auch das Jahr 2025 wieder sehr trocken war. Dies sind alles Maßnahmen, die einer Anpassung an den Klimawandel zuwiderlaufen. Gerade die uralten Bäume sind für die Anpassung wichtig, weil sie verschiedenste Witterungsbedingungen erlebt haben und diese Erfahrung über ihre Samen an die neue Baumgeneration weitergeben könnten. Vermehren sollten sich die vitalsten, ältesten Bäume, die bewiesen haben, dass sie gut angepasst sind. Ihre Fällung vernichtet letztlich das epigenetische „Gedächtnis des Waldes“.
Auflösung des Naturschutzbeirats
Zudem soll der Naturschutzbeirat beim Landesbetrieb Hessen-Forst aufgelöst werden, weil man sich einer Kritik nicht mehr aussetzen möchte. Beteiligungsmöglichkeiten und Informationsrechte von Naturschutzverbänden werden damit gestrichen. Künftig gibt es auch kein Recht mehr, die entscheidenden Forstbetriebskarten einsehen zu können, aus denen man das Alter und die Baumart der Waldbestände herauslesen kann. „Geheimniskrämerei, Abschottung, rücksichtsloses Ausbeuten der Wälder und freie Fahrt für Harvester“ fasst Mark Harthun die neue nicht zukunftsfähige Forststrategie zusammen. Mit den neuen Bewirtschaftungs-Standards reiße das Land unnötig Konflikte zwischen Naturschutz und Forstwirtschaft wieder auf, die seit 15 Jahren erfolgreich beigelegt waren.
