Wie gut schützt uns die Natur noch?
Der natürliche Klimaschutz sichert eine lebenswerte Zukunft
Zukunftsfähig: Natürliche Infrastruktur an der Fulda - Foto: Uwe Zucchi
15.7.2026: Das Ergebnis alarmiert: Auch in Hessen verlieren viele Regionen ihre Fähigkeit, Hitze zu mildern, Wasser in der Landschaft zu halten und die Folgen der Klimakrise abzufedern. Auch in Hessen zeige sich, wie wichtig intakte Natur für den Schutz vor Hitze, Dürre und Starkregen ist. Der Econics-Grün-Feucht-Kühl-Index macht deutlich: Natur ist keine Kulisse, sondern unsere natürliche Infrastruktur. Intakte Wälder, Moore, Auen und Grünflächen speichern Wasser, kühlen ihre Umgebung und machen unsere Landschaften widerstandsfähiger gegen die Folgen der Klimakrise.
Heiße Landschaften in Hessen
Besonders auffällig sind in Hessen die besonders heißen und gefährdeten Landschaften mit hoher Priorität für Wiederherstellungs-Maßnahmen der Natur: die Westliche Wetterau, der westliche Schwalm-Ederkreis, das Hessisches Ried und Nordhessen (nördliches Waldeck-Frankenberg und Kreis Kassel). In allen Siedlungsflächen und fast allen Ackerflächen sind die natürlichen Funktionen stark geschädigt oder gefährdet. Ein eindrückliches Beispiel ist hier die landwirtschaftlich intensiv genutzte Fritzlarer Börde mir ihren fruchtbaren Lösslehm-Böden. Die geschädigten Landschaftsfunktionen, wie Wasserrückhalt und natürliche Kühlung, spiegeln sich in dem großflächig sehr schlechten Grün-Feucht-Kühl-Index wider.
Schutzgebiete: Ein kritisches Licht wirft der Index auch auf viele der europäischen Schutzgebiete: Bundeweit werden 25 Prozent der Flächen in Fauna-Flora-Habitat-Gebieten und 40 Prozent in Vogelschutzgebieten mindestens als kritisch eingestuft. Denn viele Schutzgebiete sind als isolierte Inseln in einer aufgeheizten Kulturlandschaft extremen Randeffekten ausgesetzt.
Fünf-Jahres-Trend in Hessen: Der zeitliche Verlauf von 2021 bis 2025 zeigt in einer Trendanalyse, dass sich der GFKI sowohl in einigen Waldgebieten wie im Rheingau-Taunuskreis als auch in Agrarlandschaften verschlechtert hat, die Landschaften also trockener, heißer und weniger grün geworden sind. Dem gegenüber haben der Odenwald oder der Vogelsberg mit viel Grünlandwirtschaft in dieser Zeitspanne eine günstige Entwicklung durchlaufen. Diese positiven Beispiele zeigen, dass großflächige intakte Naturlandschaften als wichtiger Puffer für die Klimaerwärmung wirken.
Wälder kühlen die Landschaft
Deutlich wird die Bedeutung der Wälder als kühler Erholungsraum vor allem für die Menschen im Hitzestress des Ballungsraums Rhein-Main, wie die grün erscheinenden Wälder im Hochtaunuskreis, z.B. östlich von Glashütten. Dort schlägt der NABU den Schutz der Wälder als Wildnisgebiet „Taunushöhen“ ohne Holzfällungen vor. Der GFKI in Hessen zeigt deutlich, dass Wälder wie im Hinterlandswald, feuchter und kühler sind als die angrenzenden Weinbauhänge. Sie wirken kühlend auf die Landschaft.
Auch Auen, wie die Flussinsel Kühkopf am Rhein und die gewundenen Altneckarschleifen im Hessischen Ried, sind wichtige grüne und feuchte Oasen inmitten intensiv genutzter Agrarlandschaften. In Hessens landwirtschaftlich genutzten Flächen zeigt sich, dass kleinräumigere und extensiv genutzte Grünlandflächen mit vielen Hecken, Brachen und Ackerrandstreifen wie im westlichen Vogelsberg Feuchtigkeit länger im System halten und kühler sind als ausgeräumte, weitläufige und intensiv genutzte landwirtschaftliche Flächen bei Grünberg wenige Kilometer weiter.
Was ist der Econics-Grün-Feucht-Kühl-Index?
Der GFKI fungiert als Geschäftsklimaindex für Ökosysteme. Er berechnet die Leistungsfähigkeit der Natur auf Basis realer Umweltdaten für jeden Ort in Deutschland, in einem Raster von 30x30 Metern. So entsteht ein Bild der natürlichen Infrastruktur, die erhalten oder wiederhergestellt werden muss.Der GFKI verbindet drei messbare Eigenschaften einer Landschaft aus satellitenbasierten und meteorologischen Daten: Grün: Die Spätsommergrünheit der Vegetation, Feucht: Der Niederschlag an einem Ort und Kühl: Die Oberflächentemperatur an den heißesten Tagen. In Kombination als Rückkopplungseffekt können sich die drei Werte verstärken oder schwächen. Je grüner, feuchter und kühler es ist, desto leistungsfähiger wird die Landschaft. Umgekehrt verlieren kahle, trockene und heiße Landschaften immer weiter ihre Leistungsfähigkeit.
Wiederherstellung der Natur
Zur Wiederherstellung intakter und widerstandsfähiger Natur bedarf es somit großer Anstrengungen und großflächiger Maßnahmen des natürlichen Klimaschutzes, wie regenerative Landwirtschaft mit Zwischenfruchtfolgen, Ackerrandstreifen und Heckenstrukturen, mehr Wasserrückhalt in Wäldern und Offenland, die Renaturierung von Flüssen und Auen, Wildnisgebiete oder mehr Grün in den Städten, damit Mensch und Natur die kommenden Herausforderungen des Klimawandels wie Dürren und Hitzeperioden bestehen können.
Der NABU Hessen fordert das Land und den Bund auf, die natürlichen Funktionen unserer Landschaften und Biotopvernetzung konsequent zu stärken. Dabei spielt die Umsetzung des EU-Gesetzes zur Wiederherstellung der Natur eine entscheidende Rolle. Aber auch ein Bundesgesetz für Natürliche Infrastruktur sowie mehr Tempo bei der Renaturierung und der Vernetzung von Lebensräumen sind essenziell.
Menschen wollen mehr intakte Natur
Dass die Bevölkerung diesen Weg unterstützt, zeigt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des NABU: Fast 85 Prozent der Menschen in Deutschland befürworten das EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur und knapp 75 % der hessischen Bevölkerung wünschen sich mehr politischen Umsetzungswillen für den Schutz und die Wiederherstellung zerstörter Natur. Die Ergebnisse unterstreichen den breiten gesellschaftlichen Rückhalt sowie die Dringlichkeit für die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme und für Renaturierungsmaßnahmen als wirksamen Beitrag zum Klima-, Natur- und Hochwasserschutz.
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