Kalk-Magerrasen - Foto: NABU Hessen / Anne Michaeli
Grünland – artenreicher Lebensraum unserer Kulturlandschaft
Wiesen und Weiden sind in Hessen unverzichtbar und ihr Schutz heute somit wichtiger denn je
Was ist Grünland und warum ist es so wertvoll?
Grünland bezeichnet landwirtschaftlich genutzte Flächen, auf denen über viele Jahre hinweg Gräser und krautige Pflanzen wachsen. Dazu zählen Wiesen, die gemäht werden, ebenso wie Weiden, die durch Tiere beweidet sind. Grünland ist kein natürlicher Lebensraum, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Nutzung durch den Menschen – und gerade deshalb besonders artenreich. In extensiv genutztem Grünland können auf kleinster Fläche zahlreiche Pflanzenarten vorkommen, die wiederum Lebensraum und Nahrung für eine große Vielfalt an Tieren bieten.
Gleichzeitig erfüllt Grünland wichtige Funktionen für uns Menschen: Es speichert Wasser, schützt Böden vor Erosion, trägt zum Klimaschutz bei und prägt die hessische Kulturlandschaft. Sein Wert liegt daher nicht allein in seiner grünen Erscheinung, sondern in der Vielfalt an Strukturen, Arten und Leistungen, die nur durch eine angepasste Nutzung erhalten bleiben.
Infografik Auswirkungen der Nutzung von Grünland
Warum ist Grünland gefährdet?
Vermeintlich "saftiges" Grünland, aber in Wahrheit eine Intensivwiese mit hauptsächlich Löwenzahn und Klee - Foto: NABU / Klemens Karkow
Die Artenvielfalt des Grünlands ist eng an seine Nutzung gebunden. Entscheidend ist nicht, ob Wiesen und Weiden genutzt werden, sondern wie. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Bewirtschaftung vieler Grünlandflächen stark intensiviert – mit spürbaren Folgen für Pflanzen- und Tierwelt. Häufige Mahd,intensive Düngung, großflächige Entwässerung und der Verlust kleinräumiger Strukturen haben dazu geführt, dass viele Grünlandflächen heute deutlich an Artenreichtum verloren haben.
Unter diesen Bedingungen können sich nur wenige, sehr anspruchslose Arten behaupten. Pflanzen wie der Gewöhnliche Löwenzahn, der an hohe Mengen Stichstoff gewöhnt ist, können diesem Druck standhalten und verdrängen zunehmend konkurrenzschwächere Arten. Die Folge ist ein immer einheitlicheres, artenarmes Grünland, in dem Blütenvielfalt und Strukturreichtum fehlen. Auch eine fehlende Mahd oder Beweidung führt zur Verdrängung von Arten. Durch Verwaldung oder Verbuschung von Flächen und das dadurch jeden Frühling entstehende Blätterdach, fehlt vielen Arten das Licht.
Besonders extensiv genutztes Grünland, das nur ein- bis zweimal jährlich gemäht oder schonend beweidet wird und kaum oder gar nicht gedüngt ist, ist nur noch selten zu finden. Gerade diese Flächen bieten jedoch Lebensraum für seltene und spezialisierte Tier- und Pflanzenarten. Ihr Anteil ist in den letzten Jahrzehnten drastisch zurückgegangen: Nur noch ein verschwindend geringer Teil der landwirtschaftlich genutzten Flächen weist einen hohen Naturwert auf.
Die Folgen sind sichtbar. Nicht nur die Vielfalt an Pflanzen und ihrer Blüten verschwindet, sondern auch typische Tierarten des Grünlands – etwa viele Wiesenvögel oder Schmetterlinge des Offenlands – gehen stark zurück oder verschwinden ganz. Damit verliert das Grünland nicht nur an biologischer Vielfalt, sondern auch an seiner Fähigkeit, Wasser zu speichern, Böden zu schützen und einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.
Rechtlicher Hintergrund: Grünland unter Schutz
Grünland zählt in vielen Fällen zu den gesetzlich geschützten Lebensräumen. Je nach Ausprägung und Standort kann es unter den Schutz des Bundesnaturschutzgesetzes, der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (kurz FFH) oder landesrechtliche Regelungen fallen. Besonders artenreiches, extensiv genutztes Grünland gilt als schutzwürdig und darf nicht ohne Weiteres umgewandelt oder intensiviert werden.
Gleichzeitig ist Grünland in seinem Fortbestand auf Nutzung angewiesen. Der rechtliche Rahmen verfolgt daher das Ziel, eine naturverträgliche Bewirtschaftung zu ermöglichen und gleichzeitig den Erhalt der biologischen Vielfalt zu sichern. Förderprogramme und Naturschutzprojekte setzen hier an und unterstützen eine angepasste Nutzung, die sowohl landwirtschaftliche als auch ökologische Anforderungen berücksichtigt.
Die Grünlandtypen auf unseren Stiftungsflächen
Diese sechs Lebensraumtypen stehen unter dem Schutz der europäischen FFH-Richtlinie
Kalk-Magerrasen
Kalk-Magerrasen kommen auf basenreichen sowie trockenen und nährstoffarmen Standorten vor. Entstanden sind die Lebensräume durch eine jahrhundertelange Nutzung als Triftweide. Durch die Beweidung mit Schafen und Ziegen fand ein stetiger Nährstoffaustrag statt, was zur typischen Entwicklung der Magerrasenvegetation führte. Gerade wegen der geringen Last an Nährstoffen im Boden gelten Kalk-Magerrasen als artenreichste Lebensräume des Offenlandes. Nicht selten finden wir hier einen Reichtum an Orchideen vor. Nach der Nutzungsaufgabe verbuschen Kalk-Magerrasen rasch und erfordern somit umfangreiche Pflegemaßnahmen.
Unsere Flächen mit Kalk-Magerrasen:
Artenreiche Borstgrasrasen
Borstgrasrasen sind genau wie die Kalk-Magerrasen auf nährstoffarme Böden angewiesen, sind jedoch ausschließlich auf sauren Standorten zu finden. Hinsichtlich des Wasserhaushalts können sie ein breites Spektrum von trockenen bis zu feuchten Standorten einnehmen. Wie alle Grünlandgesellschaften Hessens sind sie von einer Nutzung als extensive Weidefläche oder als ein- bis zweischürige Mähfläche abhängig. Düngung und Kalkung vertragen Borstgrasrasen nicht und wandeln sich durch diese Maßnahmen zügig in artenarmes Wirtschaftsgrünland um.
Unsere Flächen mit artenreichem Borstgrasrasen:
- Hute am Seilerberg (Kassel)
- Wiesenbrüterprojekt (Vogelsberg)
- Rotmilanprojekt (Vogelsberg)
- einzelne Flächen im Main-Kinzig-Kreis
- Ederaue Rennertehausen (Frankenberg)
Pfeifengraswiesen
Der Lebensraumtyp der Pfeifengraswiesen ist von der Rheinebene bis ins Bergland auf feuchten bis wechselfeuchten, nährstoffarmen Standorten anzutreffen. Entstanden sind sie durch eine einschürige, spät im Jahr stattfindende Mahd – die sogenannte Streumahd. Sie reagieren sehr empfindlich auf Düngung und Veränderungen des Mahd- bzw. Nutzungsregimes.
Unsere Flächen mit Pfeifengraswiesen:
- Feuchtwiesen von Glimmerode (Werra-Meißner-Kreis)
Magere Flachland-Mähwiese
Die mageren Flachland-Mähwiesen können wir besonders häufig in unserer Kulturlandschaft antreffen: Unter diesem Begriff sind alle artenreichen, wenig gedüngten und extensiv (ein- bis zweimähdig) bewirtschafteten Mähwiesen im Flach- und Hügelland zusammengefasst. Dies schließt sowohl trockene als auch frisch-feuchte Mähwiesen ein. Im Gegensatz zum Intensivgrünland sind diese Wiesen arten- und blütenreich.
Unsere Flächen mit magerer Flachland-Mähwiese:
- Hute am Seilerberg (Kassel)
- Wiesenbrüterprojekt (Vogelsberg)
- Rotmilanprojekt (Vogelsberg)
- einzelne Flächen im Main-Kinzig-Kreis
- Ederaue Rennertehausen (Frankenberg)
Berg-Mähwiese
Berg-Mähwiesen lösen die Flachland-Mähwiesen in den kühl-feuchten Lagen der höheren Mittelgebirge ab einer Höhe von 600 Metern ab. Sie sind ebenso wie erstere eine typische Kulturform, deren Erhalt an eine extensive Mahd ohne Düngung gebunden ist. Eine der typischen Arten des Lebensraumtyps ist der Goldhafer.
Unsere Flächen mit Berg-Mähwiese:
- Eube (Fulda)
- Wiesenbrüterprojekt (Vogelsberg)
Trockene Heiden und Silikatfelskuppen mit Pioniervegetation
Der Lebensraumtyp ist an Silikatfelsen – also saures oder zumindest kalkfreies Gestein – gebunden. In den zahlreichen Rissen und Spalten des Gesteins sammelt sich feines Sediment, auf dem sich niedrigwüchsige Pionierpflanzen ansiedeln. Intensive Sonneneinstrahlung und hohe Temperaturen im Sommer führen dazu, dass die Lebensräume bereits im Frühsommer austrocknen. Trockenheit und die oft fehlende Bodenbildung lassen nur eine lückige Vegetation entstehen, die sich aus zahlreichen Moosen, Flechten und Dickblattgewächsen zusammensetzt.
Unsere Flächen mit Trockenen Heiden und Silikatfelskuppen mit Pioniervegetation:
Neben den oben genannten Lebensraumtypen lassen sich noch zahlreiche weitere Grünlandtypen auf dem Eigentum der NABU-Stiftung Hessisches Naturerbe finden, die durch die Arbeit der NABU-Stiftung erhalten werden. Dazu zählen etwa Feuchtbiotope, wie Sumpfdotterblumenwiesen, Feuchtwiesenbrachen und Auengebiete, die in Zeiten der Klimakrise und beim Thema Wasserrückhalt eine immer wichtigere Rolle spielen.
Grünland im Wandel der Zeit
So hat jahrhundertelange Nutzung artenreiche Lebensräume geschaffen
Der Großteil des heutigen Grünlands in Hessen ist nicht natürlichen Ursprungs, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger landwirtschaftlicher Nutzung. Ohne Mahd und Beweidung würden viele dieser Flächen langfristig wieder verbuschen und zu Wald werden. Besonders extensive Nutzungsformen wie Huteweiden und Streuwiesen prägten über lange Zeit artenreiche Landschaften mit einer außergewöhnlichen Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein erreichte das Grünland vielerorts seine höchste biologische Vielfalt. Mit den tiefgreifenden Veränderungen der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert – insbesondere durch Entwässerung, Flurbereinigung und den Einsatz von Kunstdünger – gingen jedoch viele dieser Strukturen verloren. Die Landschaft wurde homogener, die Nutzung intensiver, die Artenvielfalt geringer.
Heute steht Grünland erneut an einem Wendepunkt. Sein Erhalt erfordert gezielte Pflege, angepasste Nutzung und ein neues Bewusstsein für seinen Wert. Naturschutz und Landwirtschaft gehen dabei Hand in Hand, um diese einzigartigen Lebensräume für kommende Generationen zu sichern.
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Diese Mähwiese wurde noch nie gedüngt. Weil sie so mager ist, wächst hier eine große Blüten- und Artenvielfalt. - Foto: Anne Michaeli
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Diese Mähwiese weist bereits einen Nährstoffüberschuss auf, weswegen hier vor allem Obergräser zu sehen sind. Nur noch wenige Blütenpflanzen verstecken sich hier im Unterwuchs. - Foto: Anne Michaeli
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Diese Mähwiese wird intensiv bewirtschaftet und verrät sich durch ihre blaugrüne Farbe. Dauerhaftes Düngen und ständiges Mähen wirken hier auf die Arten ein, weswegen sie völlig an Arten verarmt ist. - Foto: Anne Michaeli
Jede Blüte zählt!
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