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Scheue Schönheit in Hessens Wäldern

Scheue Schönheit in Hessens Wäldern

Der kleine "Zwergtiger" kehrt auf leisen Sohlen zurück

Wildkatze

Seit einigen Jahren streift die Wildkatze wieder durch Hessens Wälder. Rückzugsräume und Wanderkorridore sind für den Bewohner strukturreicher Waldlandschaften von großer Bedeutung.


Lange Zeit wurde die heimische Wildkatze als "blutgierige Bestie" verunglimpft und bis fast zur Ausrottung verfolgt. Restbestände schafften es in naturnahen und störungsarmen Waldgebieten zu über-leben. Heute hat die Wildkatze in Hessen wieder Fuß gefasst und ist auf dem Weg, ihre ursprünglichen Lebensräume auf leisen Sohlen zurückzuerobern. Um den "Zwergtiger" als Teil des hessischen Naturerbes zu bewahren, initiiert der NABU Hessen den Ankauf von Waldgebieten und wirbt um Unterstützung.

Wildkatze4

Die scheue Wildkatze bekommt man nur selten zu Gesicht

"Die Wildkatze gehört zu den schädlichsten Raubtieren unserer Heimat, und es dürfte selbst dem größten Tierfreund schwerfallen, ihrem Leben irgendeine sympathische Seite abzugewinnen."
Dieses vernichtende Urteil könnte glatt dem alten Brehm von 1864 entstammen, der die Wildkatze als Bestie bezeichnete, ihr Blutgier unterstellte und beschrieb, dass sie "von den Jägern grimmig gehasst und unerbittlich verfolgt werde". Doch das Zitat ist ein halbes Jahrhundert jünger und stammt aus dem "Handbuch für den Jäger, Landwirt und Forstmann" aus dem Jahre 1912, einer Zeit, als Naturfreunde aller Art Tiere generell in ein Nützlich-Schädlich-Schema zwängten. Entsprechend wurde die kleine Katze oft als Untier in Übergröße dargestellt. Ähnlich wie bereits zuvor bei Wolf und Luchs wurde der Abschuss der "grausamen und heimtückischen Jägerin" mit Prämien belohnt.

Wildkatze

Die Augen der Wildkatze sind perfekt an das Jagen in der Nacht angepasst

Verbreitung früher und heute
Im Mittelalter war die Wildkatze in Hessen wie in ganz Mitteleuropa überall verbreitet. Erst die fortschreitende forstliche Nutzung, vor allem aber die starke Jagd führten zu drastischen Bestandseinbußen. Als die großen Beutegreifer Wolf, Bär und Luchs ausgerottet waren, geriet die Wildkatze im 18. und 19. Jahrhundert als Konkurrentin der Jäger ins Blickfeld. Selbst das Schlagen von Rehen und Hirschkälbern wurde ihr angedichtet, um die gnadenlose Verfolgung zu rechtfertigen.

Beinahe schon zu spät kam 1922 in Preußen und 1934 im Rest Deutschlands mit der Einführung der ganzjährigen Schonzeit die Trendwende. Die Restbestände stabili-sierten sich zunächst auf niedrigem Niveau. Inzwischen war das Verbreitungsgebiet jedoch stark zersplittert und die Restpopulationen voneinander isoliert.

Restbestände konnten sich nur in Eifel, Pfälzer Wald, Hunsrück und Harz halten. Auch in Hessen wurde die Art in Randareale zurückgedrängt. Nur im Taunus und der nordöstlichen Mittelgebirgsregion mit Reinhardswald, Kaufunger Wald, Söhre, Meißner, Knüll und Teilen der Rhön überlebten einige Exemplare. Wildkatzenfrei war ganz Südhessen, der Spessart sowie Mittel- und Oberhessen mit Wetterau und Vogelsberg und ganz überwiegend der nordwestliche Teil des Landes. Doch langsam erholten sich die Populationen. Seither erobert die Art langsam ihre ehemaligen Lebensräume wieder zurück und breitet sich aus.

Heute arbeiten Jäger und Naturschützer gemeinsam an der Rückkehr der kleinen Beutegreifer. Bereits 2002 haben NABU und hessischer Landesjagdverband gemeinsam Rhön und Spessart zum "Wildkatzenland" erklärt. Auch im nord-hessischen Bergland und im Taunus breitet sich die Art wieder aus.

Jahre zuvor in den 1980´er Jahren gelang im bayerischen Spessart ein vom Bund Naturschutz initiiertes Wiederansiedlungsprojekt. Da die Tiere glücklicherweise Landesgrenzen nicht respektieren, breitet sich die neue Population jetzt auch im hessischen Main-Kinzig-Kreis aus.

Wildkatze

Rückzugsräume sind für die Wildkatze äußerst wichtig

Rückzugsräume dringend erforderlich
So scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis die westdeutschen Vorkommen über das Bindeglied Hessen wieder mit den mitteldeutschen Beständen zusam-men wachsen. Neue Wiederansiedlungs-projekte oder aufwändige Biotopverbund-planungen sind im Moment wohl nicht (mehr) erforderlich; sinnvoll sind aber Schutzmaßnahmen in den Wildkatzen-Schwerpunktgebieten und Rücksicht-nahme. Vor allem die wachsende Zahl an Verkehrsopfern unter den Wildkatzen bereitet dem NABU Sorge. Deshalb fordert der Naturschutzverband sichere Rückzugsgebiete für die kleinen Räuber.

NABU-Forderungen zum Schutz der Wildkatze:

  • In Schutzgebieten: Festlegung von Wildkatzen-Schutzzonen, vor-rangig in großen FFH-Gebieten. Die Wildkatzen-Schutzmaßnahmen müssen in den FFH-Managementplänen festgehalten werden.

  • Im (Straßen-)Verkehr: Verzicht auf den weiteren Ausbau des Stras-sennetzes in Wildkatzen-Schwerpunkträumen. Entschneidungs-maßnahmen wie Durchlässe, Grünbrücken oder Aufständerungen bei der Neuanlage von Verkehrstrassen und in Schwerpunktgebieten. Geschwindigkeitsbeschränkung von 80 km/h auf Land- und Kreisstraßen in Wildkatzen-Schutzzonen.

  • Im Wald: Entwicklung von Urwaldparzellen und Erhalt von Alt- und Totholzinseln, besonders in NATURA 2000-Gebieten. Verzicht auf Rodentizide (Mäuse- und Rattengifte) im Wald.

  • Bei der Jagd: Freiwilliger Verzicht auf den Abschuss grauer und wildfarbener Katzen in Wildkatzen-Lebensräumen, Verzicht auf Totschlagfallen und Baujagd und Einrichtung jagdlicher Ruhezonen. Sensibilisierung der Jägerschaft und Informationsvermittlung bei der Jägerausbildung.

Biologie und Ökologie
Geschlechtsreif werden die Tiere mit 10 Monaten. Zumeist im April oder Mai werden 3 - 4 Junge geboren. Während der Aufzucht wechselt die Mutter mit den Jungen mehrmals ihr Versteck. Nur etwa die Hälfte der Jungkatzen überlebt das erste Jahr. In Gefangenschaft können die Tiere bis zu 21 Jahre alt werden. Während erwachsene Wildkatzen nur vom Wolf oder Luchs erbeutet werden, können Jungtiere auch Fuchs, Marder, Uhu oder Habicht zum Opfer fallen.

Naturnaher Buchenbestand

Strukturreiche Wälder sind bevorzugte Lebensräume der Wildkatze

Bevorzugte Lebensräume unserer "Zwergtiger" sind ausgedehnte und strukturreiche Wälder mit dichtem Unterwuchs, Totholz, Waldwiesen und naturnahen Gewässern. Aufzucht-Plätze müssen trocken und warm sein. Besonders beliebt sind Baumhöhlen, altes Totholz und große Wurzelteller, Felshöhlen sowie Fuchs- oder Dachsbaue. Diese Strukturen findet die Wildkatze in den waldreichen hessischen Mittelgebirgen. Nur wenn die Schneedecke über mehrere Monate höher als 20 cm ist, findet auch die gewitzte kleine Jägerin nicht mehr genügend Nahrung. Höhenlagen über 400 - 600 m werden daher nicht mehr regelmäßig besiedelt.

Über 80% der Nahrung machen Kleinnager, vor allem Wühlmäuse, aus. Nur im Winter bei geschlossener Schneedecke weicht die Katze auf Vögel oder auch geschwächte größere Säuger aus. Dann fallen ihr gelegentlich Kaninchen, Feldhasen, Fische, Enten, in seltenen Ausnahmefällen auch einmal ein kranker oder geschwächter Frischling zum Opfer. Größere Tiere werden nur als Aas gefressen.

Wildkatze stehend

Der stumpfe buschige Schwanz ist typisch für die Wildkatze

Haus- oder Wildkatze?
Auf den ersten Blick sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich, und leider können sich Haus- und Wildkatze auch kreuzen. Blendlinge - so werden die Bastarde genannt - kommen vor allem in den Randbereichen von Wildkatzenbeständen vor, wenn Jungkuder (Männchen) aufgrund des Populationsdruckes abwandern und nur weibliche Hauskatzen antreffen. Auch in Hessen werden gelegentlich Blendlinge beobachtet. Äußerlich, aber auch in ihrem Verhalten liegen die Blendlinge zwischen Haus- und Wildkatze. Die Mischlinge lassen sich beispielsweise kaum zähmen.

Erst auf den zweiten Blick lassen sich beide Unterarten unterscheiden. Das Fellmuster von Wildkatzen ist nicht sehr deutlich ausgeprägt, der Körperbau plumper, die Behaarung länger. Die Beine erscheinen deutlich dicker als bei Hauskatzen. Ein wuchtiger, breiter Schnauzenteil fällt ebenso auf wie der hell fleischfarbene Nasenspiegel, der bei Hauskatzen meist dunkel ist.

Das Schwanzende ist schwarz, stumpf und buschig, bei Hauskatzen dagegen heller und spitz. Die Schwanzmusterung weist deutliche, dunkle Ringe auf, die Schnurrhaare der Wildkatze sind weiß und kräftiger ausgebildet. Wildkatzen haben in der Regel einen weißen Kehlfleck, der oft bei Hauskatzen fehlt oder sehr unscharf begrenzt ist. Wildkatzen sind deutlich größer als ihre halbwilden Vettern. So können Kuder sechseinhalb Kilogramm wiegen und vom Kopf bis zum Schwanzende bis zu 120 cm messen.

Aktuelle NABU-Projekte zum Ankauf von Rückzugsräumen
Um für unsere hessischen Zwergtiger und seinen großen Bruder ungestörte Rückzugsräume zu schaffen, erwirbt die NABU-Stiftung Hessisches Naturerbe gezielt Flächen und neue Schutzrefugien. Denn noch immer ist der Ankauf der Lebens- und Fortpflanzungsstätten der beste Schutz für unsere Tierwelt.

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