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Lutra lutra ante portas
Lutra lutra ante portas
Der Fischotter - auf dem Sprung zurück nach Hessen?
Noch gilt der wendige Wassermarder in Hessen als ausgestorben - doch aus verschiedenen Landesteilen mehren sich Hinweise und Anzeichen auf die ersten Rückkehrer des versteckt lebenden Fischjägers. Sind das alles Fehlbeobachtungen oder klopft Lutra lutra wirklich an Hessen Tore? Der NABU begrüßt die bevorstehende Rückkehr des früher stark verfolgten Wassermarders und heißt den kleinen Räuber herzlich willkommen.
"Der Fischotter ist der schlimmste nächtliche Feind der Fische. Die Raubgier dieses Tieres zwingt daher den Fischzüchter, energisch auf dasselbe Jagd zu machen. Außer an seinem kostbaren Pelz finden auch manche an seinem Fleische Gefallen; richtig zubereitet schmeckt es auch nicht gerade schlecht. Jedoch wegen seines ausgesprochenen Beigeschmacks werden seine Liebhaber eine kleine Gemeinde bleiben".
Dieses Zitat aus Bernhard Kathans Kochbuch entstammt der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende und zeigt das gespaltene Verhältnis, das unsere Vorfahren gegenüber dem Wassermarder hatten. Als Fischdieb gnadenlos verfolgt, diente der Fischotter allenfalls als Fastenspeise, als kulinarische Delikatesse oder als Pelzlieferant. Doch erst als zur direkten Verfolgung des Fischräubers auch noch der großräumige Lebensraumverlust und der wachsende Straßenverkehr hinzukam, verschwand die Art aus den meisten europäischen Regionen.
Die Trendwende kam für Lutra lutra 1992, als die Art in die Anhänge II und IV der Europäischen Fauna-Flora-Habitatrichtlinie (FFH-RL) aufgenommen wurde. Seither besteht in der ganzen Europäischen Union die rechtliche Verpflichtung, den Fischotter und seine Vorkommen in einem "günstigen Erhaltungszustand" zu bewahren oder Schutzmaßnahmen für seine Rückkehr zu ergreifen.
Wendiger Wassermarder
Als zweitgrößte heimische Marderart nach dem Dachs ist der Fischotter mit keiner anderen Art zu verwechseln. Der wendige Wasserjäger hat eine stromlinienförmige Gestalt, einen recht langen Schwanz und Schwimmhäute zwischen den Zehen. Ausgewachsene Tiere können eine Kopf-Rumpf-Länge von 80 - 90 cm erreichen und werden bis zu 13 kg schwer. Das Fell ist nur kleinflächig aufgehellt und nahezu einheitlich braun.
Als dämmerungs- und nachtaktives Tier ist der Otter nur sehr schwer zu beobachten. Auch seine Lebensweise als Einzelgänger macht Sichtbeobachtungen fast unmöglich. Die einzelnen Tiere nutzen dabei oft sehr ausgedehnte Streifgebiete. Ein Nachweis gelingt meist nur indirekt anhand typischer Fußspuren oder Kotmarkierungen.
Vorliebe für strukturreiche Lebensräume
Naturnahe Fließgewässerstrecken wie hier an der Lahn sind immer noch Mangelware
Fischotter lieben naturnahe Gewässer. Unterspülte Ufer, Flachwasserzonen und strukturreiche Ufer sind die bevorzugten Aufenthaltsorte und Jagdreviere. Auf kleinen Halbinseln und Sandbänken ruhen sich die Tiere aus oder verzehren ihre Beute, besonders dort wo Bäume und Sträucher Deckung und Schutz bieten. Gerne halten sich die Tiere auch in etwas abseits vom fließenden Wasser gelegenen Altarmen auf.
Die Reviergröße hängt vom Nahrungsangebot und der Verfügbarkeit von Unterschlupfen ab. Im Revier, dessen Grenzen durch Kot markiert werden, sind meist ein unterirdischer Hauptbau und mehrere Fluchtunterschlüpfe vorhanden. Otter legen selten eigene Baue an. Oft benutzen sie ufernahe Dachs- oder Fuchsbaue sowie aufgegebene Biberbaue.
Als Jäger zu erfolgreich
Als Wasser-Raubtier steht der Fischotter an der Spitze der Nahrungspyramide. Je nach Nahrungsangebot nutzt der Wassermarder ganz flexibel die ihm zur Verfügung stehenden Nahrungsquellen, darunter Fische, Krebse, Amphibien, aber auch Vögel, kleine Säuger und Insekten. Vor allem als Fischjäger ist der Otter erfolgreich - Zu erfolgreich! Denn hier tritt er in direkte Konkurrenz zu seinem schärfsten Nahrungskonkurrenten - dem Menschen.
Untersuchungen aus Sachsen zeigen, dass Fische rund 90% des Nahrungsanteils ausmachen können. Karpfen und Flussbarsche werden bevorzugt gefressen. Auch Raubfische wie Hecht und Zander werden gelegentlich erbeutet, Schleien dagegen nur ungern verzehrt.
Schon früh versuchte der Mensch daher, sich der unliebsamen Konkurrenz zu entledigen. Bereits im frühen 16´en Jahrhundert wurden sogenannte "Otterstecher" bezahlt, um mit Hilfe speziell gezüchteter Otterhunde den Fischotterbestand zu dezimieren. Da Otterhunde nur im flachen Wasser oder nach der herbstlichen Wasserspiegelabsenkung der Teiche einsetzbar waren, hielt sich die Wirkung der "Otterstecher" auf den Tierbestand noch in Grenzen.
Gravierender waren die Jagderfolge mit dem Aufkommen von "Otter-Eisen", die im ausgehenden 18´ten Jahrhundert Einsatz fanden. Die Fallen ermöglichten jetzt ganzjährig die Otterbekämpfung in den Fischteichen.
Prämien für tote Otter brachten den "Erfolg": Die Ausrottung
Noch ärger kam es gegen Ende des 19´en Jahrhunderts. Jetzt wurden überall in Deutschland mit neuen Gesetzen und Prämienzahlungen für erlegte Fischotter auch die organisatorischen Voraussetzungen für die komplette Vernichtung der Art geschaffen. In Sachsen wurde beispielsweise im Jahre 1884 der Sächsische Fischerei-Verein gegründet, dessen zentrales Vorhaben die Ausrottung des Fischotters war. Beträchtliche Prämienzahlungen für tote Otter, Aufrufe zur Bekämpfung, die Verleihung von "Ehrentafeln" für erfolgreiche Otterfänger und Reklame für Fangmethoden und Fallensysteme brachten den Erfolg. 1903 brach der sächsische Otterbestand komplett zusammen. 1922 stellte der Verein seine Tätigkeit ein. Er hatte seinen Zweck erfüllt. Es dauerte viele Jahrzehnte, bis wieder eine leichte Erholung der Populationen aus den wenigen überlebenden Restexemplaren eintrat.
Ähnliche verlief die Entwicklung auch in anderen Regionen Deutschlands, sodass der Fischotter auch in den westdeutschen Bundesländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hessen in den 1950´er und 1960´er Jahren endgültig von der Bildfläche verschwand. Seither gilt die Art hier als ausgestorben.
Ganzjährige Fortpflanzung
Fischotter haben keine streng saisonal fixierte Paarungszeit, so dass im gesamten Jahresverlauf Jungotter angetroffen werden können. Der Wurf kann 1 - 5 Junge umfassen. Die Neugeborenen haben kurzes, dunkles Haar und öffnen nach etwa 35 Tagen die Augen. Die Jungen bleiben mehrere Monate bei der Mutter, das Männchen wird dagegen vom Wurfplatz verjagt. Bereits nach einem Vierteljahr können junge Fischotter meisterhaft schwimmen und tauchen. Geschlechtsreif werden sie meist im 3. Lebensjahr und mit viel Glück können sie ein Alter von bis zu 15 Jahren erreichen.
Neue Gefahren
Mit der ganzjährigen Unterschutzstellung der Wassermarder im Jahre 1968 wurde zumindest die direkte Verfolgung gestoppt. Doch neue Gefahren kamen hinzu. So hat die Schadstoffbelastung der Flüsse, insbesondere mit PCB´s (polychlorierte Biphenyle), in den letzten Jahrzehnten auch den Ottern zugesetzt. Wasserwirtschaftliche Ausbaumaßnahmen an Bächen und Flüssen, Begradigungen, Kanalisierungen und Verrohrungen und die damit verbundene Verschlechterung der Lebensräume zeigten ebenfalls Wirkung.
Die mit Abstand wichtigste Gefährdungsursache stellt gegenwärtig jedoch der stark angewachsene Straßenverkehr dar. Bis zu 80% aller bekannten Todesfälle sind in den letzten Jahren auf den Straßenverkehr zurückzuführen. Vor allem männliche Tiere, die wesentlich größere Reviere als die Weibchen haben, werden dort leicht zu Verkehrsopfern, wo Straßen an Gewässern entlang führen oder diese kreuzen und ottergerechte Tierquerungen fehlen.
Langsame Bestandserholung
Trotz aller Gefährdungen sprechen in den letzten Jahren verschiedene Anzeichen für eine langsame Erholung der Fischotter-Vorkommen in Ost- und Norddeutschland. Offenbar zeigen die von den Umweltverbänden wie dem NABU geforderten Verbote von Umweltgiften und das beginnende Umdenken in der Wasserwirtschaft Wirkung. Langsam und oft unbemerkt scheinen die Wassermarder wieder alte Lebensräume zurückzuerobern.
Ursprünglich besiedelten die Tiere ganz Europa mit Ausnahme Islands. Durch den starken Rückgang der Art sind die Rest-Vorkommen allerdings stark zersplittert und voneinander isoliert. In einigen Ländern wie der Schweiz und den Niederlanden ist die Art ausgestorben. In Deutschland existieren großflächige und vitale Populationen heute lediglich in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Ostsachsen. In Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Ost-Bayern gibt es noch Restbestände, die sich aber langsam wieder erholen und ausbreiten. Aus Thüringen liegen neuere Nachweise vor.
Hessenland - Otterland ?
In Hessen war die Art ehemals weit verbreitet und kam überall dort vor, wo geeignete Lebensräume existierten. Verbreitungsschwerpunkte bildeten die großen Flusstäler. Auch die kleinen Fließgewässer bis zu den Quellbächen dürften besiedelt gewesen sein, wie die alten Ortsnamen Uttrichshausen in der Rhön (von Otterichshausen), Uttershausen bei Wabern oder Ottrau nordöstlich von Alsfeld heute noch bezeugen.
Lange Zeit war Hessen otterfrei. Doch in den letzten Jahren mehren sich Hinweise, dass die Art doch in Hessen überdauert haben könnte. Möglicherweise handelt es sich dabei aber auch um die ersten Botschafter aus benachbarten Bundesländern.
Neuere Hinweise liegen für Nordhessen aus dem Schwalm-Eder-Kreis vor. Hier scheinen sich einzelne Tiere im Einzugsbereich der Eder aufzuhalten. Hinweise auf eines oder wenige Einzeltiere kommen auch aus dem dünnbesiedelten nördlichen Spessart im Main-Kinzig-Kreis. Bereits in den 1980´er Jahren konnten Otterspuren auch im Europareservat Kühkopf-Knoblochsaue nachgewiesen werden. Allerdings ist der Nachweis einer vitalen Population bislang noch nicht geglückt. Ob sich Fischotter in Hessen dauerhaft aufhalten und sich hier auch vermehren, ist unklar.
Da sich die Otterbestände in Niedersachsen, Thüringen und Bayern langsam wieder stabilisieren, könnten weitere Tiere nach Hessen einwandern und auf die "vereinzelten Hessen" treffen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis auch in Hessen wieder junge Otter nachgewiesen werden können.
Beobachtungen bitte melden!
Genaue Bestandsangaben sind in Hessen aktuell kaum möglich, denn der Wassermarder lebt sehr versteckt. Zudem besteht Verwechslungsgefahr mit anderen Wasserräubern wie dem Mink, der ursprünglich aus Nordamerika stammt und auch in Hessen auf dem Vormarsch ist.
Beobachtungen des Fischotters sind reine Zufallsfunde. Der NABU Hessen bittet daher, ihm alle Otter-Beobachtungen zu melden. Nur wenn die Standorte der Art bekannt sind, können gezielte Schutzmaßnahmen ergriffen werden.
Wir wollen das Hessische Naturerbe bewahren
NABU-Schutzgebiet Vogelsbergteiche
An vielen Orten in Hessen ist der NABU bereits tätig. Zahlreiche Fließ- und Stillgewässer, Teiche und Weiher, Auewiesen, Weiden und Sumpfwälder werden von NABU Gruppen im ganzen Land betreut und können dem Fischotter künftig geeignete Lebensräume bieten. Mit dem Ankauf von Stillgewässern und Sumpfgebieten kann der NABU viel für eine dauerhafte Existenzsicherung der Art tun.
Um dem Fischotter zu helfen und weitere gefährdete Arten vor dem Aussterben zu bewahren, hat sich die "NABU-Stiftung Hessisches Naturerbe" zum Ziel gesetzt, Flächen zu erwerben und neue Schutzrefugien zu schaffen. Denn noch immer ist der Ankauf der Lebens- und Fortpflanzungsstätten der beste Schutz.
NABU-Stiftung Hessisches Naturerbe

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