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Heimliche Würgeschlange mit Biss
Hessens heimliche Würgeschlange mit Biss
Die Schlingnatter wurde früher oft mit der Kreuzotter verwechselt
Runde Pupillen, große Kopfschilder und Einzelflecken am Rücken
Sie gilt als exzellente Jägerin von Mäusen und Eidechsen. Obwohl sie auch in unserem Bundesland weit verbreitet ist, kennen nur wenige die heimlich lebende Schlange. Dank ihrer sehr unauffälligen Lebensweise hat die Schlingnatter jahrhundertelange Verfolgung durch den Menschen überlebt. Oft mit der Kreuzotter verwechselt, wurden bis in die jüngste Zeit unzählige der kleinen Nattern als vermeintliche Giftschlangen erschlagen. Mittlerweile wird die "Zwergboa" unter Hessens Schlangen nicht nur auf der Roten Liste geführt, sondern gilt auch europaweit dank der FFH-Richtlinie als geschützte Art.
1992 wurde Coronella austriaca in den Anhang IV der Europäischen Fauna-Flora-Habitatrichtlinie (FFH-RL) aufgenommen. Seither besteht in der ganzen Europäischen Union die rechtliche Verpflichtung, die Schlingnatter und ihre Vorkommen in einem "günstigen Erhaltungszustand" zu bewahren und Schutzmaßnahmen zu ergreifen.
Denn seit es Mythen gibt im kollektiven Bewusstsein der Menschen, haben Schlangen darin einen Platz als besonders geheimnisumwitterte und verrufene Tiere. Die Bibel selbst verweist schon am Apfelbaum im Paradies auf den Teufel in Gestalt einer Schlange. Gottes Fluch führt dort zur kriechenden Lebensweise der Schlangen: "Von diesem Tage an seist du verflucht unter den Tieren auf dem Felde. Du sollst auf deinem Bauche kriechen und Staub fressen solange du lebst." (Genesis 3.14) Imagefördernd war auch Medusa nicht: die mythische Gestalt, die anstelle von Haaren Hunderte von Schlangen auf dem Kopf trug, war so schrecklich anzusehen, dass ihr Anblick alle, die sie sahen, in Stein verwandelte. Tief verwurzelte Angst zeigt sich noch heute im verbreiteten Aberglauben, daß eine erschlagene Schlange erst nach Sonnenuntergang "richtig tot" sei und daß der abgeschlagene Kopf den Täter anspringen und beißen kann.
Schlingnatter: Zeichnung eher unauffällig
Optimale Betriebstemperatur
Als wechselwarme Tiere sind Schlangen wie alle anderen Reptilien auf die Wärmezufuhr von außen angewiesen. Auch das Verhalten der Schlingnattern ist darauf ausgerichtet, möglichst schnell "Betriebstemperatur" zu erreichen. Daher gehört Sonnenbaden zum Pflichtprogramm. Doch auch der Wärmebedarf ist nicht grenzenlos. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass Schlingnattern eine Körpertemperatur zwischen 29 und 33 Grad C anstreben. Übersteigt die Körpertemperatur 33 Grad, suchen die Tiere gezielt kühlere Plätze auf und verschwinden in der Vegetation oder im Erdboden.
Als Tagesverstecke dienen der kleinen Schlange Kleinsäugerbauten, Felslöcher oder auch ausgefaulte Baumstubben. Auch in der kalten Jahreszeit werden trockene Erdlöcher, Felsspalten oder auch Trockenmauern genutzt. Geeignete Winterquartiere sind oft so begehrt, dass viele Tiere sie gleichzeitig nutzen. Gelegentlich wurden schon Massenquartiere von bis zu 50 Tieren gefunden, die mit anderen Arten wie der Ringelnattern gemeinsam genutzt wurden.
Die Glatt- oder Schlingnatter gilt als langsame aber sehr geschmeidige Schlange. Sie hält sich überwiegend am Boden auf, kann aber auch recht geschickt Gebüsche erklettern. Mit einer maximalen Länge von bis zu 80 cm gehört sie zu den eher kleineren Schlangen. Ähnlich groß wie die Kreuzotter ist die Schlingnatter aber insgesamt etwas schlanker als diese. Dennoch wird die kleine harmlose Natter oft mit der giftigen Kreuzotter verwechselt.
Kreuzotter mit deutlichem Zickzackband
Leicht zu verwechseln
Unterscheiden lassen sich die beiden Schlangenarten auch von Laien vor allem an zwei Merkmalen. Kreuzottern sind an ihrem geschlossenen Zickzackband auf dem Rücken erkennbar, während auf dem Rücken der Schlingnattern meist dunkle Einzelflecke in Reihen angeordnet sind. Beide Schlangen variieren allerdings in ihrer Grundfärbung, so dass die Färbung als Merkmal zur Unterscheidung nicht immer zuverlässig ist.
Kreuzotter mit senkrechten Pupillen
Gut zu unterscheiden sind beide Arten an den Augen: Schlingnattern besitzen runde Pupillen (s.oben), während Kreuzottern einen senkrechten Pupillenschlitz aufweisen.
Da Kreuzottern nur im Spessart und im Osthessischen Bergland vereinzelt kleine Populationen ausbilden, besteht im übrigen Hessen westlich von Spessart und Fulda kaum eine Verwechslungsmöglichkeit.
Liebe mit Biss
In der Fortpflanzungszeit im Frühjahr geht es oft alles andere als glimpflich zu. Vor allem die Männchen verhalten sich jetzt sehr aggressiv. Bei der Konkurrenz um die begehrten Schlangenfrauen sind heftige Beißereien an der Tagesordnung, die sogar mit lebensgefährlichen Verletzungen der Kontrahenten enden können. Die aggressiven Schlangenmänner versuchen dabei, einander zu umschlingen und sich gegenseitig in den Kopf zu beißen. Auch paarungsunwillige Weibchen werden mitunter von den liebestollen Freiern gebissen. Selbst die Kopulation wird vom Liebhaber häufig mit Bissen in den Nacken oder die Halsseiten seiner Liebespartnerin eingeleitet, wohl um Fluchtversuche des Weibchens zu verhindern.
Nach einer Tragzeit von 3 bis 4 Monaten werden voll ausgebildete und nur von einer dünnen Eihülle umgebene Schlüpflinge geboren. Der Schlupf der Jungschlangen erfolgt schon kurz nach der Eiablage. Anders als viele andere Reptilien verlassen sich Schlingnattern nicht auf die Sonnenwärme zum Ausbrüten ihrer Eier. So kann die Art auch kühlere Regionen besiedeln.
Erfolgreiche Jägerin - auch ohne Gift
Da die Schlingnatter ihre Beute nicht mit einem Giftbiss töten kann, nutzt sie die gleiche Jagdstrategie wie ihre entfernte Verwandtschaft, die Boas oder Pythons. Größere und wehrhafte Beutetiere wie ausgewachsene Eidechsen oder Wühlmäuse werden mit den Kiefern gepackt, mit einigen Körperschlingen umwickelt und erstickt. Kleinere Beutetiere werden lebend verschlungen. Wehrhafte Beutetiere versucht die kleine hessische "Zwergboa" so fest zu umschlingen, dass ihnen keine Beißmöglichkeit bleibt und sie ersticken.
Trickreiche Überlebenskünstlerin
Schlingnattern haben gleich eine ganze Reihe von Strategien entwickelt, um ihren zahlreichen Fressfeinden zu entgehen. Igel, Marder, Wildschweine aber auch viele Greifvögel stellen den Nattern nach und junge Schlingnattern werden selbst von der eigenen Art verspeist.
Drei generelle Verteidigungsmuster kennt die findige Natter: Am häufigsten ist das kryptische Verhalten. Dabei verharrt die Schlange regungslos und verlässt sich ganz auf ihre Tarnung. Mitunter stellt sie sich sogar tot, ein Verhalten, das auch von der Ringelnatter bekannt ist. Nutzt das nichts, geht die Schlingnatter in die typische Warnstellung. Sie rollt den Körper tellerförmig zusammen und richtet den Vorderkörper s-förmig auf. Das sieht für Fressfeinde sehr gefährlich aus - und ist es auch. Denn aus dieser Stellung beißt die Schlange oft sehr schnell zu. Hilft auch das nicht, folgt als letzte Mittel die Entleerung der Analdrüsen. Die Ausscheidung eines scharf riechenden Sekrets verdirbt Fressfeinden endgültig den Appetit.
Der ausgewachsene Biologe, dem diese Hand gehört, war doch ein wenig zu groß ...
Auch heute noch werden die harmlosen Nattern "mutig" erschlagen
Auch bei der Begegnung mit Menschen wird das Verhaltensprogramm abgespult. Zunächst verharrt die kleine Schlange regungslos an ihrem Platz. Erst wenn sie berührt wird, ringelt sie sich zusammen, zischt und beißt zu. Mit ihren kleinen Zähnen kann sich das Reptil an der Bissstelle festhaken. Die nadelspitzen Zähne hinterlassen feinste Einstiche, aus denen etwas Blut austreten kann. Der Biss ist allerdings harmlos und der Schreck größer als der Schaden.
Dennoch haben dieses Abwehrverhalten und ihre Ähnlichkeit mit der Kreuzotter bereits unzähligen Schlingnattern das Leben gekostet. Selbst heute noch werden die harmlosen Nattern "mutig" erschlagen, wenngleich in Deutschland heutzutage keine Kopfprämien mehr für Giftschlangen gezahlt werden und das Töten der Schlange streng verboten ist.
Gefährdungsursachen: Hysterie und Lebensraumverlust
Zahlreiche Ringelnattern, Blindschleichen und Schlingnattern sind dieser Hysterie bereits zum Opfer gefallen. Daher appelliert der NABU zur Besonnenheit beim Anblick von Schlangen und bittet um Rücksichtnahme, denn vielerorts sind Schlingnattern selten geworden oder ganz verschwunden. In Hessen wird Coronella austriaca in der Roten Liste als "gefährdete Art" geführt.
Als Hauptgefährung gelten mittlerweile jedoch der Verlust und die Zerschneidung der Lebensräume. So wurden auch in Hessen viele Magerrasen intensiviert oder aufgeforstet. Wichtige Kleinstrukturen wie Hecken oder Feldraine wurden zerstört und auch die Flurbereinigung führte in vielen Gemarkungen zum Verlust der Schlangenbiotope. Hinzu kommt die zunehmende Zerschneidung der Lebensräume durch Straßen und Autobahnen, die zur Verinselung der kleinen Bestände führt.
Sonniger Hang bei Uerzell, gepflegt vom NABU Steinau
Vorliebe für strukturreiche Lebensräume
Schlingnattern mögen warme und strukturreiche Hanglagen. Trockenrasen, stark von Hecken oder Gebüschen durchsetzte Steinbrüche, Felswände, Geröllhalden, Magerrasen und Heiden aller Art. Selbst Straßenböschungen und Bahndämme gehören in Hessen zu den bevorzugten Aufenthaltsorten der wärmeliebenden Reptilien. Auch sonnige Waldränder und aufgelassene Weinberge werden gerne aufgesucht. Stark beschattete Lebensräume und monotone Agrarlandschaft meidet die Natter.
Verbreitung in Hessen
Die Schlingnatter ist mit Ausnahme des nördlichen Skandinaviens, Irlands und des überwiegenden Teils Großbritanniens in ganz Europa vertreten. In Deutschland liegt der Verbreitungsschwerpunkt in den klimatisch begünstigten Bereichen der Mittelgebirge. Nach Norden hin wird die Verbreitung immer lückiger.
Hessen liegt im Zentrum des Verbreitungsgebietes. Vermutlich ist die Art über fast ganz Hessen und in allen Landkreisen verbreitet und kommt überall dort vor, wo geeignete trockene und sonnige Biotope existieren. Verbreitungsschwerpunkte liegen entlang der Südlagen der größeren Flusstäler und deren Nebentäler. Verbreitungsachsen bilden auch geschotterte Bahntrassen. Nur höhere Mittelgebirgslagen mit dichten Wäldern sind frei von Schlingnattern.
Beobachtungen bitte melden!
Allerdings sind genaue Bestandsangaben kaum möglich, denn die Schlange lebt sehr versteckt und kann nur mit großem Aufwand genau erfasst werden. Viele Beobachtungen sind reine Zufallsfunde und exakte Kartierungen liegen in der Regel nicht vor. Der NABU bittet daher, alle Beobachtungen der kleinen Natter zu melden, um das Verbreitungsbild in Hessen zu vervollständigen. Nur wenn die Standorte der Nattern bekannt sind, können gezielte Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Ihre Beobachtungen können Sie uns unter der Telefonnummer 06441-67904-17 oder per Mail an Berthold Langenhorst mitteilen.
Schutzmaßnahmen dringend erforderlich
Um der Schlingnatter zu helfen, müssen ihre halboffenen Lebensräume erhalten und neue Habitate geschaffen werden. Viele Einzelmaßnahmen können dazu beitragen, die in Hessen isolierten Restbestände wieder zu vernetzen.
Wir wollen das Hessische Naturerbe bewahren
An vielen Orten in Hessen ist der NABU bereits tätig. Zahlreiche Magerrasen werden von NABU Gruppen im ganzen Land gepflegt und und ermöglichen der Schlingnatter ein Überleben. Vor allem mit dem Ankauf von Magerrasen, aber auch ausgebeuteter Steinbrüche kann der NABU viel für dauerhafte Existenzsicherung der Art tun. Um der Glatt- oder Schlingnatter zu helfen und weitere gefährdete Arten vor dem Aussterben zu bewahren, hat sich die NABU-Stiftung Hessisches Naturerbe zum Ziel gesetzt, weitere Flächen zu erwerben und neue Schutzrefugien zu schaffen. Denn noch immer ist der Ankauf der Lebens- und Fortpflanzungsstätten der beste Schutz.
NABU-Stiftung Hessisches Naturerbe

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