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Nie ohne Muschel – Der Bitterling
Nie ohne Muschel – Der Bitterling
Schillerndes Äußeres und kompliziertes Sexualleben
Schillernd in allen Regenbogenfarben: der Bitterling (Rhodeus amarus)
Kulinarisch ist er eine Enttäuschung, aber an Schönheit ist der kleine Karpfenfisch kaum zu toppen. "Wenige unserer Flußfische kommen dem Bitterling an Zierlichkeit und Schönheit der Färbung gleich." Dies schrieb einer der Väter der Zoologie, Alfred Brehm, im Jahre 1925 und meinte die Färbung der Bitterling-Männchen, deren Hochzeitskleid während der Laichzeit in allen Regenbogenfarben schillert. Früher wurde das Schuppenkleid des Bitterlings sogar zur Herstellung von Perlessenz ("Fischsilber") herangezogen.
Detail der prachtvollen Bitterling-Färbung
Doch all die Schönheit nutzte dem kleinen Fisch wenig. Für Angler und Fischer von nur geringem Interesse, starb er im Verlauf der letzten Jahrzehnte fast unbemerkt in den meisten Gewässern aus und konnte sich bis zum heutigen Tag nur in wenigen Refugien halten. Noch im 19. Jahrhundert war der kleine Fisch in einzelnen Gewässern so häufig, dass man ganze Schwärme mit Muschelfleisch angelockt und in Sieben gefangen hat.
Verwendet wurde Rhodeus amarus als Köder zum Barschfang oder auch als Schweinefutter. Doch sein kompliziertes Sexualleben wird dem Bitterling heutzutage vielerorts zum Verhängnis. Der NABU informiert über die komplizierten Zusammenhänge und möchte dem Fisch wieder seine alt-angestammten Lebensräume zurückgeben.
Der Zwerg unter den Karpfen
Der Bitterling ist ein Zwerg unter den Karpfenfischen.
Als kleinster heimischer Vertreter der Karpfenfische hat der Bitterling einen hochrückigen, seitlich stark abgeflachten Körper, der mit relativ großen Schuppen besetzt ist. Rücken- und Afterflosse sind ziemlich lang. Als Zwerg unter den europäischen Karpfenfischen wird der kleine Wasserbewohner nur fünf bis sechs Zentimeter lang. Nur sehr selten erreicht er einmal acht oder neun Zentimeter.
Vorliebe für strukturreiche Stillgewässer
Der Klesberger Weiher ist eine gute Kinderstube für Bitterlinge.
Bitterlinge leben gesellig - mit Vorliebe in flachen, stehenden oder langsam fließenden Gewässern mit Pflanzenwuchs. Sommerwarme Altarme, verkrautete Weiher und Tümpel sind bevorzugte Lebensräume. Der Bitterling mag sandige Bodenverhältnisse mit einer Mulmauflage und meidet tiefgründige verschlammte Gewässer. Als Vegetarier ernährt sich der kleine Fisch von Algen und weichen Teilen höherer Pflanzen. Doch auch Kleintiere bereichern seine Speisekarte.
Fortpflanzung auf Umwegen
Bitterling-Weibchen mit Legeröhre
So schillernd wie sein Äußeres, so kompliziert ist das Sexualleben des kleinen Fisches. Zur Laichzeit zwischen April und Juni sucht das Männchen bei Wassertemperaturen von mehr als 17oC gezielt eine Fluss- oder Teichmuschel aus und lockt das Weibchen zu dem Schalentier.
Das Weibchen bildet zur Fortpflanzungszeit eine bis zu 5 cm lange Legeröhre aus. Mit dieser Legeröhre legt es jetzt einzelne Eier in die Kiemen der Muschel. Unmittelbar nach der Eiabgabe gibt das Männchen seine Spermien ab, die über das Atemwasser der Muschel ins Innere gelangen und dort die Eier befruchten. Jede Muschel erhält nur ein oder zwei der drei Millimeter großen Eier. Daher muss die Eiablage mit der anschließenden Befruchtung mehrfach und an verschiedenen Muscheln wiederholt werden. So werden die vierzig bis einhundert Eier eines Weibchens auf eine größere Anzahl von Wirtstieren verteilt.
In der sauerstoffreichen Umgebung der Muschelkiemen wächst die Brut heran und verlässt den Wirt erst, wenn die kleinen Fische schwimmfähig sind.
Doch vollkommen selbstlos sind auch die Muscheln nicht. Als wenig mobile Tiere nutzen sie die Fische als Taxi für die eigene Brut. Der enge Körperkontakt zwischen Muschel und Fisch führt dazu, dass die Muschel ihre Larven - die sogenannten Glochidien - an der Bauchseite des Bitterling-Weibchens platzieren kann. Der ständige Wirtswechsel der Bitterlinge ermöglicht so die Verbreitung der Muschellarven. Bevor die Jungmuscheln zur Belastung für ihren Shuttle-Service werden, fallen sie ab und suchen kleine Bodenspalten oder andere geschützte Plätze auf, um möglichst keinen Fressfeinden zum Opfer zu fallen.
Nie ohne Muschel!
Franz-Josef Jobst beim Muschel-Umsetzen
Jahrtausende lang hat die gemeinsame Familienplanung der beiden sehr unterschiedlichen Tierarten gut funktioniert. "Schutz gegen Mobilität" war die Basis des Geschäftes, von dem beide profitieren. Und solange gesunde Teich- oder Flussmuscheln in ausreichender Zahl im Lebensraum der Bitterlinge lebten, garantierte diese hochgradig spezialisiert Form der Brutsymbiose den Fortpflanzungserfolg der Bitterlinge. Doch fehlen die Muscheln - wird auch das Liebesleben der Bitterlinge zum "Coitus interruptus".
Da die Fortpflanzung des Bitterlings zwingend von den Fluss- oder Teichmuscheln abhängig ist, wird jede Gefährdung der Muscheln zur Existenzbedrohung für den kleinen Fisch.
Doch die Muscheln machen sich zunehmend rar. Faulschlammbildung, Verlandung oder auch zu langes Trockenfallen der Gewässer gehen ihnen an die Schalen. Auch starke Nährstoffeinträge setzen den Wirtstieren der Bitterlinge zu. Gründe sind auch die Beseitigung oder Verlandung von Altarmen und Kleingewässern in den Auen oder der Ausbau von Niederungsbächen und -flüssen.
Ökologische Globalisierung - Die pelzige Gefahr aus Übersee
Matthias Kuprian und Franz-Josef Jobst (NABU Steinau) begutachten die Bitterlinge
Eine besondere Gefahr kam bereits vor über hundert Jahren aus Nordamerika. Als Pelzlieferant sollte die Bisamratte auch in Deutschland das Herz vieler Frauen höher schlagen lassen. Doch einige der kleinen Nager suchten aus den Pelztierfarmen erfolgreich den Weg ins Freie und vermehrten sich hier - weitgehend ohne Konkurrenz und natürliche Feinde - explosionsartig. Als Schädlinge erster Klasse treiben sie seitdem unzählige Teichwirte, Fischer und Gewässernutzer zur Verzweiflung. Mit ihren unterirdischen Höhlen und Bauen unterminieren sie die Standfestigkeit von Teich und Flussdämmen und verursachen Kosten in enormer Höhe.
Obwohl eigentlich eher vegetarischer Nahrung zugeneigt, haben Bisamratten vor allem in der kalten Jahreszeit eine Vorliebe für die nahrhaften Teich- und Flussmuscheln. Die haben den kräftigen Nagergebissen wenig entgegen zu setzen.
Mit dem Rückgang der Muscheln verschwand auch der Bitterling aus vielen Gewässern Deutschlands. Eine Ausweichstrategie besitzt der kleine Karpfenfisch nicht. So wurde die enge Verzahnung in der Lebensweise der beiden Wasserbewohner dem Bitterling zum Verhängnis. Die einst so erfolgreiche Brutstrategie versagt, wenn der Mensch Lebensräume verändert und mit der Einbringung neuer Arten in biologische Prozesse eingreift.
Dort wo Muscheln noch vorkommen, ist auch dies noch keine Überlebensgarantie für den kleinen Fisch. Auch nordamerikanische Regenbogenforellen können der Art stark zusetzen. In hoher Dichte können diese Räuber Bitterlingsbestände gegen Null bringen. Dies gilt auch für andere Raubfische wie Hecht oder Zander. Auch eine hohe Karpfendichte hat einen ungünstigen Einfluss auf Bitterlinge.
Verbreitung in Hessen
Mit der Legeröhre werden die Eier in die Muscheln injiziert.
Das Areal des Bitterlings erstreckt sich vom Ural und dem Kaspischen Meer über Mitteleuropa bis nach Mittelfrankreich. Auf den Britischen Inseln kommt die Art im Themse-Einzugsgebiet vor. Südlich der Alpen, in Nordeuropa sowie in Irland fehlt Rhodeus amarus.
In Deutschland ist die Art nur unregelmäßig verbreitet. In keinem Bundesland ist der Fisch wirklich häufig. So auch in Hessen, das mitten im Verbreitungsgebiet liegt. Bis jetzt sind in unserem Bundesland 10 Populationen bekannt, die sich überwiegend auf den südlichen Landesteil konzentrieren.
Bereits seit einigen Jahren bekannt ist der Bitterlingsbestand in der Gersprenz im Umkreis des Reinheimer Teiches. Auch in der Nidda und im Main bei Kostheim wurde die Art nachgewiesen. Der Bestand in der Nidda gilt als sehr stark. Reproduzierende Populationen existieren auch am Schusterwörther Altrhein, und im Mönchbruch. Auf Besatzmaßnahmen geht ein Bestand im Hessenpark bei Neu-Anspach zurück. Weitere Funde sind aus dem Suhlsee bei Wildeck und dem Seeweiher bei Mengerskirchen im Westerwald bekannt. Auch diese sehr große Population ist reproduktiv.
Beobachtungen bitte melden
Genaue Bestandsangaben sind allerdings kaum möglich, denn Bitterlinge leben bevorzugt in Stillgewässern oder langsam fließenden Gewässern, die in der Vergangenheit weniger gut untersucht wurden als typische Fließgewässer. Da die Art auch für Angler uninteressant ist, gibt es auch von dieser Seite nur wenige Fundangaben. Vermutlich gibt es daher in Hessen noch unentdeckte Vorkommen, die es zu finden gilt.
Der NABU Hessen bittet daher, alle Beobachtungen des kleinen Karpfenfisches zu melden, um das Verbreitungsbild in Hessen zu vervollständigen. Nur wenn die Standorte der Tiere bekannt sind, können Schutzmaßnahmen ergriffen werden.
Der Bitterling muss geschützt werden
Freilassung durch Sibylle Winkel: Jetzt müssen sie für sich selbst sorgen...
Um dem Bitterling zu helfen, müssen seine Lebensräume erhalten, wiederhergestellt und vernetzt werden. Vor allem die naturnahe Entwicklung der Fließgewässerunterläufe als Lebensräume für Großmuscheln und Bitterlinge muss im Mittelpunkt der Naturschutzbemühungen stehen. Aber auch eine extensive und Bitterling-freundliche Bewirtschaftung von Fischteichen kann der Art helfen. So erst kürzlich geschehen am Klesberger Weiher bei Steinau an der Straße. Hier hat der NABU nach einer umfangreichen Revitalisierung des Gewässers Bitterlinge neu angesiedelt.
Jetzt bleibt zu hoffen, dass sich die seltene Art im renaturierten Klesberger Weiher dauerhaft halten und auch vermehren kann. Die ersten Ergebnisse belegen eine sehr gute Entwicklung! Ansprechpartnerin für Fragen zum Bitterling-Projekt des NABU Steinau:
Sibylle Winkel
Telefon: 069-84849185
E-Mail: Sibylle Winkel
Das NABU-Schutzgebiet "Klesberger Weiher"

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