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Ein Stubenhocker in Uralt-Bäumen
Ein Stubenhocker in Uralt-Bäumen
Der Große Heldbock: Vom Angstgegner zum Schutzobjekt
Ehemals galt der Heldbock als übler Forstschädling und wurde von der Forstwirtschaft mit allen Mitteln bekämpft. Inzwischen weiß man, dass Cerambyx cerdo eher Symptom als Ursache von Forstschäden und Baumsterben ist. Hessens Förster haben daher ihren Frieden mit dem einstigen Angstgegner gemacht und bemühen sich neuerdings, dem imposanten Käfer ein Überleben im Wirtschaftswald zu ermöglichen. Der Naturschutzbund (NABU) Hessen unterstützt diesen Sinneswandel und fordert Schutzmaßnahmen für die seltene Art auch im Privat- und Kommunalforst sowie außerhalb des Waldes.
Da der Heldbock seit 1992 in den Anhängen II und IV der Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Richtlinie geführt wird, steht die Art mittlerweile im Fokus des hessischen Naturschutzes. Wo der imposante Bockkäfer in Hessen überlebt hat und wie der Naturschutzverband den Holzbewohnern wieder auf die Flügel helfen will, zeigt der NABU in seiner Sympathiekampagne für die wichtigsten 25 FFH-Arten.
Lebenszyklus des Käfers
Besonders markant: bis zu 10 cm lange Fühler der Männchen (Repro nach REITTER)
Mit 30 bis 56 mm Länge ist der Heldbock der zweitgrößte heimische Bockkäfer. Besonders markant sind die knotigen Fühler, die beim Männchen bis zu 10 cm lang sein können.
Die überwiegend dämmerungs- und nachtaktiven Käfer verkriechen sich tagsüber in den Frassgängen, die von den Larven angelegt wurden. Obwohl die Käfer flugfähig sind, bleiben sie meist ihrem Brutbaum treu, bis dieser abgestorben ist.
Heldbock-Puppe (Repro nach REITTER)
Hier erfolgt auch die Eiablage. Bevorzugt werden Eichen mit einem Stammumfang größer 100 cm, meist ab 200 cm. Besonders beliebt sind anbrüchige Stämme und Bäume, die gerade zu "kränkeln" beginnen.
Die Eier werden in Rindenritzen abgelegt. Die Larvenentwicklung dauert mindestens drei Jahre, kann sich aber auch über 5 Jahre ausdehnen. Die Verpuppung erfolgt in einer glattgenagten Wiege am Ende eines Hakenganges. Seit längerem bewohnte Brutbäume sind an den charakteristischen Bohrgängen im Kronen- und Stammbereich oder am ausrieselnden Holzmehl am Stammfuß zu erkennen.
Unbeweglicher Stubenhocker
Würde man ihn mit menschlichen Attributen schmücken, hätte der Heldbock schnell den Ruf eines unbeweglichen Stubenhockers. Denn der Eichenheldbock gilt als nur wenig ausbreitungsfreudig. Ihm wird sogar eine besondere Anhänglichkeit an den Brutbaum nachgesagt. Als maximale Flugstrecken sind von den Männchen 4.250 m und bei den Weibchen 800 m bekannt. Die Flugzeit liegt im südlichen Deutschland je nach Witterung zwischen Ende April und Ende Juni mit Schwerpunkt Mitte bis Ende Mai.
Lebensraum Altholz
Zimmer frei für den Heldbock
Der Heldbock steht stellvertretend für die große Zahl der anspruchsvollen Altholzbewohner. Als Urwaldreliktart und Starkholzspezialist bewohnt der Große Eichenbock sehr alte Laubwälder und Parks mit Uraltbäumen. Cerambyx cerdo bevorzugt eichenreiche Bestände (v. a. Stieleiche, teils Traubeneiche) in wärmeren Lagen. Der "Heldbock-Stamm" muss frei von Beschattung sein, so dass im Stammbereich eine ungehinderte Sonneneinstrahlung erfolgen kann. Der Bestand sollte wenig Unterwuchs aufweisen.
Vorzugshabitate sind einzeln stehende Stämme an Waldrändern oder in aufgelichteten Beständen. In Mitteleuropa entwickelt er sich ausschließlich in alten Eichen. Nur in Südeuropa besiedelt Cerambyx cerdo auch ganz junge und schwache Bäume.
Warum ist der Heldbock so selten?
Wenn Tiere aussterben, ist oft der Rückgang des Lebensraums die Ursache. So auch beim Heldbock. Der Verlust alter, dickstämmiger Eichen in Parks, Alleen, Wäldern, aber auch der offenen Landschaft haben dem Holzkäfer den Lebensraum genommen. Und da die Art sehr konservativ und wenig anpassungsfähig ist, können andere Baumarten oder auch einfach jüngere, dünne Eichenstämme diesen Lebensraum nicht ersetzen.
Mit der Aufgabe historischer Waldbewirtschaftungsformen wie dem Mittelwald oder dem Eichen-Hutewald, die geprägt waren von lichten Strukturen und starken, alten Bäumen, verschwanden auch viele Heldbock-Eichen. Im modernen Wirtschaftswald dagegen fehlt die Zerfallsphase mit mächtigen alten absterbenden Bäumen, denn das Absterben alter Bäume kann sich heute kein Unternehmer mehr leisten.
Heldbock-Lebensraum und ein Erlebnis für Menschen
Eine übertriebene Verkehrssicherung bewirkt dann den Rest. Alte freistehende Heldbock-Eichen wachsen oft am Waldrand in der Nähe stark frequentierter Wege und Straßen. Zeigen diese Bäume dann erste Alters- oder Krankheitszeichen, werden sie aus Gründen der Verkehrssicherheit mit deutscher Gründlichkeit sehr schnell und ohne genaue Prüfung gefällt. Oft vorschnell, denn viele der Veteranen könnten noch Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte leben, wenn man sie nur ließe.
Auch manch falsche Baumsanierung mit Ausbetonieren, Ausschäumen oder gar Ausbrennen der alten Eichen hat vielen Heldbocklarven in der Vergangenheit den Garaus gemacht.
Großer Beliebtheit erfreuten sich die imposanten großen Käfer früher auch bei Insektensammlern. Da die meisten Heldböcke ihrem Brutbaum treu bleiben und leicht zu fangen sind, kann das Sammeln der seltenen Tiere durch "Liebhaber" lokal großen Schaden anrichten.
Verbreitung in Hessen
In den neuen Bundesländern gibt es teilweise noch starke Populationen des Holzkäfers. In Westdeutschland dagegen leben nur noch kleine Restvorkommen. Vereinzelte Nachweise liegen aus Schleswig Holstein, Niedersachsen, Baden Württemberg, Bayern und Rheinland Pfalz vor. In Hessen beschränken sich die Vorkommen auf den Süden. Nachweise wurden bisher aus den Landkreisen Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau und Bergstraße sowie dem Rheingau gemeldet. Auch im Stadtwald Frankfurts leben noch die seltenen Bockkäfer.
Ob es auch noch Vorkommen außerhalb der wärmebegünstigten südhessischen Gunstlagen gibt, ist derzeit unbekannt.
Schutz des Großen Eichenbocks dringend erforderlich !
In der Roten Liste ist der Heldbock deutschlandweit in der Kategorie "vom Aussterben bedroht" eingestuft. Die FFH-Richtlinie führt den Käfer seit 1992 in den Anhängen II und IV. Seither genießt der Bockkäfer europaweit große Aufmerksamkeit.
Der Schutz durch die EU-Richtlinie kann vielleicht das Aussterben des Bockkäfers noch verhindern. Während der Heldbock vormals nur Förstern und Zoologen bekannt war, erhält die FFH-Art jetzt breite amtliche Unterstützung, die von Brüssel bis Wiesbaden reicht. Dank der EU-Richtlinie wurden auch in Hessen Europaschutzgebiete für die seltene Art ausgewiesen. Für diese Gebiete werden seit 2005 amtliche FFH-Maßnahmenpläne erstellt.
Maßnahmen in Wald und Flur
Will man den Heldbock als wichtigen Bestandteil unserer heimischen Fauna erhalten, müssen konkrete Artenschutzmaßnahmen innerhalb, aber auch außerhalb des Waldes durchgeführt werden. Folgende Maßnahmen ermöglichen dauerhaft das Überleben der Großen Eichenböcke in Hessen:
Im Wald ist die Markierung und der Schutz der Heldbock-Brutbäume vorrangig. Vor allem alte Eichenstämme mit Wunden, die Baumsaft ausscheiden, müssen belassen werden. Auch Eichen-Totholz und besonnte Hochstubben dürfen nicht der Motorsäge zum Opfer fallen!
Um auch zukünftige Generationen von Heldböcken Lebensraum zu bieten, müssen dauerhaft lichte, naturnahe Laubmischwälder und Altholzstreifen mit Eichen in sonnenexponierter Lage erhalten werden.
Am Waldrand oder auch im Bestand müssen die Brutbäume gezielt von Beschattung freihalten werden.
Aber auch außerhalb des Waldes in Parks, Alleen und in der offenen Landschaft müssen alte, besonnte und auch abgängige Eichen belassen und geschützt werden, lautet die Forderung des NABU.
Weniger ist oft mehr
Da besonnte Heldbock-Stämme oft nahe von Wegen und Straßen stehen, sind diese Bäume ständig in Gefahr der Verkehrssicherungspflicht der örtlichen Behörden zum Opfer zu fallen. Hier ist weniger oft mehr, gibt der NABU zu bedenken, und fordert im Zweifelsfall eine genaue Prüfung durch Experten, bevor solche Bäume wirklich der Motorsäge zum Opfer fallen.
Ein gangbarer Kompromiss können Hochstubben sein. Hierbei bleiben Teile des Stammes stehen und können so noch viele Jahre lang von Holzkäfern und anderen Holzbewohnern besiedelt werden.
Ist eine Fällung eines Brutbaumes unvermeidbar, muss das Starkholz unaufgearbeitet in möglichst großen Abständen auf Unterlagen gelegt werden, um Bodenkontakt zu vermeiden. Damit verhindert man das Einwandern von Asseln und andere Kleinlebewesen, die ansonsten das Substrat der Heldbocklarven verschlechtern.
Da falsche Baumsanierungen zum Totalausfall führen können, appelliert der NABU, auf baumchirurgische Maßnahmen wie Ausbetonieren, Ausschäumen und Ausbrennen zu verzichten.
Was selten ist, gerät oft ins Blickfeld von Sammlern. Doch bei einer so seltenen Art ist - außer zu wissenschaftlichen Zwecken - das Töten und Nadeln der Tiere nicht zu rechtfertigen. Der NABU befürwortet deshalb das Vorgehen der Naturschutzbehörden, alle leicht zugänglichen Vorkommen besonders im Ballungsraum Rhein-Main geheim zu halten.
Vorkommen bitte melden!
Während Schutzmaßnahmen in FFH-Gebieten künftig gewährleistet sein dürften, gilt dies nicht für Vorkommen außerhalb der EU-Schutzgebiete. Hier müssen noch unbekannte Vorkommen ausgemacht und mit gezielten Maßnahmen erhalten werden. Der NABU nimmt Hinweise aus der Bevölkerung gerne entgegen. "Nur wenn die Vorkommen bekannt sind, können diese auch geschützt werden!" bittet der NABU um Mitarbeit.
Wir wollen das Hessische Naturerbe bewahren!
Um dem Heldbock und auch anderen bedrohten Holzkäfern zu helfen und weitere gefährdete Arten vor dem Aussterben zu bewahren, hat sich die "NABU Stiftung Hessisches Naturerbe" zum Ziel gesetzt, Flächen zu erwerben und neue Schutzrefugien für bedrohte Arten zu schaffen. Denn noch immer ist der Ankauf der Lebens- und Fortpflanzungsstätten der beste Schutz.
Gerade der Ankauf von Waldflächen, in denen Bäume alt werden dürfen und "Heldbock-Stärke" erreichen können, ist überlebenswichtig für Tierarten, die auf alte, absterbende Bäume angewiesen sind.
Im neuen NABU-Refugium "Grünaue Eltville", einem 21 ha großen Auwald-Schutzgebiet direkt am Rhein bei Eltville im Rheingau soll dieses Ziel erreicht werden. Der künftige Urwald soll auch ein Rückzugsgebiet für den Heldbock werden.
Für die Schutzprogramme hat der NABU ein Spendenkonto eingerichtet:
NABU-Projektkonto:
Bank für Sozialwirtschaft Köln,
Konto-Nr.: 8 295 700,
BLZ: 370 205 00 - Stichwort "Hessisches Naturerbe"
(Für Spendenquittung bitte Adresse nicht vergessen).

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