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"Blauhelme" in Gefahr
"Blauhelme" in Gefahr
Die Helm-Azurjungfer findet kaum noch naturnahe Wiesengräben
Die Helm-Azurjungfer - ein kleines blaues Juwel
Für manche Menschen wirken Libellen bedrohlich. Ihre Größe, aber auch die Furchtlosigkeit der Libellenmännchen bei der Partnersuche führte zu Bezeichnungen wie "Teufelsnadel" oder "Augenstecher". Doch Libellen stechen nicht und sind völlig harmlos. Eine kleine, sehr seltene Libellenart ist die Helm-Azurjungfer. Eine markante Zeichnung am 2. Körpersegment - der Merkur-Helm - ist namensgebend für die kleine blaue Schlanklibelle. Die stark gefährdeten Blauhelme gehören zu den 25 bedrohten FFH-Arten, für die Hessen besondere Verantwortung trägt.
Libellen - erdgeschichtlich uralt und ein Erfolgsmodell der Evolution
Wer war schon alt, als die Saurier noch in den Kinderschuhen steckten? Wer hat 30.000 Augen und kann gleichermaßen gut vorwärts wie rückwärts fliegen?
So oder so ähnlich könnten Fragen einer Quiz-Sendung lauten. Doch nur wenige Spezialisten können diese Fragen auf Anhieb beantworten.
"Libellen" lautet die für manche sehr überraschende Antwort!
Farbenprächtig und ungefährlich: Libellen
Und so gelten die kleinen, flinken und räuberisch lebenden Flugkünstler als Erfolgsmodell der Evolution. Mit vier unabhängig voneinander steuerbaren Flügeln können sie Flugmanöver ausüben, von denen Flugzeug- und Hubschrauberpiloten nur träumen können. Ihren großen Komplexaugen, die aus 30.000 Einzelaugen bestehen, entgeht kein Beutetier.
Als sehr altes Geschlecht gibt es Libellen schon seit über 200 Millionen Jahren. Die fossile Meganeura war mit 70 cm Spannweite das größte bekannt gewordene Insekt und auch heutige Arten weisen Spannweiten von teilweise über 10 cm auf.
Ihre Größe erscheint vielen Menschen bedrohlich. Doch Libellen sind völlig harmlos, stechen nicht und allenfalls die größten Arten versuchen, sich durch kaum spürbare Bisse zu wehren, wenn man sie ergreift.
Blauhelme haben einen Spitzenplatz - auf der Roten Liste
Die Helm-Azurjungfer gehört zu einer Kleinlibellen-Familie, für deren Arten eine blaue Färbung charakteristisch ist: die Azurjungfern. Von den elf aktuell in Hessen vorkommenden Arten dieser Familie ist der Blauhelm am stärksten gefährdet. Sowohl deutschlandweit wie auch in Hessen wird die Art in den Roten Listen als "vom Aussterben bedroht" geführt.
Auch europaweit sind die Bestände so stark zurückgegangen, dass Coenagrion mercuriale seit 1992 im Anhang II der Europäischen Fauna-Flora-Habitatrichtlinie (FFH-RL) geführt wird. Seither besteht in der Europäischen Union die rechtliche Verpflichtung, die Art und deren Populationen in einem "günstigen Erhaltungszustand" zu bewahren und Schutzmaßnahmen zu ergreifen.
Als wärmeliebende, eher südwesteuropäische Art waren Blauhelme nie häufig in Hessen. Doch an geeigneten Standorten mit günstigen Temperaturverhältnissen kann die Libelle gute Bestände ausbilden. Doch nur noch 5 Populationen mit zusammen rund 500 Tieren haben in Hessen überlebt, so daß die "Blauhelme" binnen kurzem bei und ausgestorben sein könnten. Da Coenagrion mercuriale seit 1992 im Anhang II der Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Richtlinie geführt wird, steht die Art mittlerweile im Fokus des hessischen Naturschutzes.
Helm-Azurjunfer-Lebensraum
Blauhelme sind wählerisch
Helm-Azurjungfern leben nur in schmalen, gut besonnten und dauerhaft Wasser führenden Quellbächen oder Wiesengräben. Hier bevorzugen sie sauberes, kalkhaltig-basisches (hartes) Wasser auf sandigem und schlammigem Grund, der flach bis maximal 10 cm überrieselt wird. Eine gut entwickelte Vegetation aus wintergrünen Wasserpflanzen wie Berle, Bachbunge, Wasserstern oder Wasserkresse ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Eiablage und das Überleben der Larven. Schlammiges Sohlesubstrat ermöglicht den Larven, sich einzugraben. Eine leichte Strömung mit offenen Wasserflächen verringert die Neigung zum Verwachsen der Gewässer und verhindert ein Durchfrieren im Winter.
Besonders beliebt sind Quellaustritte oder Dränagen mit gleichbleibenden Wassertemperaturen. Vor allem im Winter sind moderate Wassertemperaturen wichtig, denn die Eisfreiheit garantiert bessere Überlebenschancen für die Libellenlarven am Grund der Gewässer. Auch oberseits der Libellengewässer liegende Teiche, Weiher oder Seen können im Winter als Wärmespeicher dienen und das Überleben der Blauhelme sicherstellen.
Als Reife-, Jagd- und Ruheraum benötigt die Art gewässernahe, hochwüchsige und insektenreiche Biotope, wie junge Brachen oder extensives Grünland, das im Hochsommer nicht gemäht wird.
Blauhelme sind sonnenhungrig
Blauhelme sind wahre Sonnenanbeter. Besonnung erhöht die Wassertemperatur der langsam fließenden Gräben und Bäche und fördert die Wasservegetation und damit die Entwicklungsmöglichkeiten der Larven. Ausgewachsene Tiere bevorzugen zudem gute Sonnenplätze unmittelbar am Gewässer.
Blauhelme sind sensibel
Blauhelme stellen hohe Ansprüche an ihre Gewässer und deren Umfeld und reagieren äußerst sensibel auf Veränderungen im Lebensraum. Als wärmeliebende Sensibelchen vertragen sie weder eine zu lang anhaltende nasskalte Witterung noch die Beschattung ihrer Lebensräume. Die Austrocknung der Gewässer darf allenfalls kurzzeitig erfolgen. Aber auch den dauerhaften Anstau von Gräben und Quellbächen - im Naturschutz oft praktiziert - toleriert die empfindliche Fließgewässer-Art nicht und verschwindet. Ähnliches bewirkt der Eintrag von Pestiziden und Dünger in ihren Lebensraum. Ursache für das Verschwinden der Art ist oft auch die Beseitigung wintergrüner Wasserpflanzen und der damit verbundene Verlust an Eiablageplätzen und Larvallebensräumen.
Blauhelme sind konservativ
Die Entwicklung der Blauhelm-Larven dauert in Mitteleuropa zumeist Jahre. Nur in besonders warmen Gewässern oder außerordentlich warmen Jahren entwickeln sich die Tiere innerhalb eines Jahres. Die Flugzeit der erwachsenen Tiere dauert von Mitte Mai bis in den August. In Hessen fliegen die meisten Blauhelme in der zweiten Juni- und ersten Julihälfte.
Blauhelme sind ortstreu. Das Ausbreitungsverhalten der Art gilt als sehr konservativ. Entsprechend sind die in Hessen weit auseinander liegenden Bestände stark voneinander isoliert, was einen genetischen Austausch erschwert. Jedoch belegen Funde von Tieren weitab der Fortpflanzungsbiotope sowie die schnelle Besiedlung geeigneter Biotope in der Nachbarschaft, dass in jeder intakten Kolonie immer auch wanderfreudige Individuen vorhanden sind.
Blauhelm-Verbreitung in Hessen
Als südwesteuropäische Art hat die wärmeliebende Helm-Azurjungfer ihren Verbreitungsschwerpunkt auf der Iberischen Halbinsel, in Frankreich und Italien, ebenso in Nordafrika. Größere Vorkommen in Deutschland befinden sich am südlichen Oberrhein sowie nördlich des Bodensees. Einzelne Populationen sind aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen bekannt. Auch aus den neuen Bundesländern werden bis etwa zur Elbe Nachweise gemeldet.
In Hessen konnte der NABU in den letzten beiden Jahren noch 5 existierende Vorkommen mit insgesamt rund 500 Individuen feststellen.
Bereits 2001 begannen Experten des NABU damit, in Hessen systematisch Hinweise auf aktuelle und ehemalige Vorkommen zu erfassen. Dabei gelang es nicht nur, die Art in Hessen erneut nachzuweisen, sondern auch die Bestandsgrößen der einzelnen Kolonien und deren Gefährdung zu ermitteln.
Alleine drei Populationen leben im Naturraum Wetterau im Bereich der Horloffaue sowie bei Karben. Ein weiteres sehr kleines Vorkommen konnte bei Egelsbach im Landkreis Offenbach bestätigt werden. Erst vor kurzem wurde ein weiterer kleiner Bestand in der Nähe von Gelnhausen im Main-Kinzig-Kreis ausgemacht.
Ältere Nachweise der Art aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg und dem Odenwald konnten bislang nicht wieder bestätigt werden. Auch ein vager Hinweis auf ein Restvorkommen an der Eder in Nordhessen blieb ohne konkrete Erfolgsmeldung.
Dennoch sind weitere, bisher unentdeckte Vorkommen in Hessen möglich, denn noch nicht alle geeigneten Standorte wurden von den Libellen-Experten des NABU genau untersucht. Und so hofft die Biologin Winkel auf weitere Hinweise von Naturschützern oder aufmerksamen Naturbeobachtern.
Insgesamt aber ist die Überlebenssituation für die kleinen Blauhelme in Hessen ungünstig. Mit nur noch fünf Vorkommen, die noch dazu stark isoliert sind, ist die Bestandsituation insgesamt kritisch. Vier der fünf Blauhelm-Kolonien leben in Grabensystemen, die weniger als 100 Meter lang sind. Das macht die kleinen Populationen extrem anfällig.
Gefährdungsfaktoren
Es sind vor allem drei Gefährdungsfaktoren, die der Helm-Azurjungfer in Hessen schwer zu schaffen machen:
Eine zu intensive Pflege der Gräben und Quellbäche mit der zeitgleichen Räumung aller Gewässerabschnitte und kompletten Mahd der Uferbereiche kann zum Totalverlust aller Libellenlarven im Gewässer führen.
Nicht weniger problematisch ist der Verzicht auf die Pflege der Gräben und Quellbäche. Denn eine Verschilfung der Gewässer und die Verbuschung der Ufer nehmen licht- und wärmeliebenden Libellen ebenfalls den Lebensraum.
Problematisch ist auch die oft gut gemeinte Bepflanzung der Gewässer mit Erlen oder anderen Gehölzen, denn Blauhelme benötigen offene Wiesengräben und Quellbäche, die nicht beschattet sein dürfen.
Das Auffinden der versteckt lebenden Tiere ist schwierig
Schutzmaßnahmen dringend erforderlich
Die Aufnahme in den Anhang II der FFH-Richtlinie erwies sich für die ansonsten unscheinbare Libelle als Glückstreffer. Während Coenagrion mercuriale vormals nur einer Hand voll Spezialisten bekannt war, erhält die FFH-Art jetzt in Hessen Hilfe von mehreren Seiten.
Dank der Unterstützung durch die Stiftung Hessischer Naturschutz, die Kelterei Müller KG, die Oberhessische Versorgungsbetriebe AG (OVAG), die Stiftung Sparerdank, die Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und viele Einzelspender gelang es dem NABU Hessen nicht nur, die letzten hessischen Vorkommen ausfindig zu machen, sondern auch erste Schutzmaßnahmen einzuleiten. Auf Grundlage von FFH-Maßnahmenplänen sollen künftig in enger Zusammenarbeit mit Naturschutzbehörden und Kommunen viele Einzelmaßnahmen durchgeführt werden, um den Blauhelmen auch in Zukunft das Überleben zu ermöglichen.
Prachtlibelle - manchmal vergesellschaftet mit dem Blauhelm
Wir wollen das hessische Naturerbe bewahren
Um der Helm-Azurjungfer in Hessen zu helfen und weitere gefährdete Arten vor dem Aussterben zu bewahren, hat sich die NABU-Stiftung Hessisches Naturerbe zum Ziel gesetzt, Flächen zu erwerben und neue Schutzrefugien für bedrohte Arten zu schaffen. Denn noch immer ist der Ankauf der Lebens- und Fortpflanzungsstätten der beste Schutz.
Aktuell sammelt der NABU Spenden, um die letzten Lebensräume der Art wieder Instand zusetzen und neue Lebensräume zu schaffen. Seit mehreren Jahren betreut die NABU-Landesarbeitsgemeinschaft Naturentwicklung und Biodiversität die letzten bekanten Vorkommen und organisert Hilfsmaßnahmen.
Naturfreunde können mit einer Spende helfen, die kleinen Blauhelme wieder zum Überflieger zu machen. Zur Finanzierung des Schutzprogramms hat der NABU ein Spendenkonto eingerichtet:
NABU-Projektkonto:
KSK Waldeck-Frankenberg,
Konto-Nr.: 020 20 030,
BLZ: 523 500 05 - Stichwort "Blauhelme"
(Falls Spendenquittung erforderlich, bitte Adresse nicht vergessen).
Weitere Informationen
Publikation:
Winkel, S., Gall, M. & Kuprian, M. (2003):
NABU-Artenschutzprojekt Helm-Azurjungfer.-
Jahrbuch Naturschutz in Hessen 8:136-138.
Ansprechpartnerin:
Dipl. Biol. Sibylle Winkel
NABU-LAG Naturentwicklung und Biodiversität
E-Mail: Sibylle.Winkel@NABU-Hessen.de

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